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Fastenbrechen in Sicht – ein erstaunlich mulmiges Gefühl

Letztes Fastenmahl

In wenigen Stunden ist es soweit: Mit dem Ostersonntag enden sieben alkohol-, fleisch- und iPhone-Push-Funtkionen-freie Wochen.

„Irgendwie habe ich ein komisches Gefühl“, meinte der Mann vorhin – und ich muss zugeben, mir geht es nicht anders. Natürlich sind unsere Pläne für das Fastenbrechen auch viel zu extrem. Wir sind zum sechsgängigen Osterbrunch eingeladen – bei einer polnischen Familie. Und so wie ich polnische Feste kenne, sind viel Alkohol und viel Fleisch unverzichtbare Bestandteile. Anschließend stehen zwei meiner Mädels in den Startlöchern, um mit uns abends endlich mal wieder „so richtig feiern zu gehen“. Falls wir bis dahin noch nicht mit Magenverstimmungen und völlig betrunken zusammengebrochen sind. Doch das zu extreme Fastenbrechen ist nicht das einzige, was mir ein mulmiges Gefühl macht.

Die Fastenzeit war erstaunlich bereichernd und hat sich sehr selten nach Verzicht angefühlt. Ich habe die Erfahrung, dass der Mann von sich aus mitmachen und mit mir eine Solidargemeinschaft bilden wollte (trotz ausgeprägter Fleischsucht seinerseits) sehr genossen. Ich habe viele neue Speisen kennengelernt, ein herrliches Kräutergärtchen angepflanzt, viel Zeit draußen verbracht, viel Yoga gemacht und erlebt, dass sogar meine urschwarzwälderische Familie Verständnis für unsere Idee gezeigt hat – auf einem Familienfest mit selbsterlegtem Reh.

Außerdem habe ich viel darüber nachgesinnt, warum es so schwierig ist akzeptiert zu werden, wenn man das geliebte Glas Wein eben nicht mit trinkt, habe erfahren in welchen Restaurants Vegetarier respektiert und gefördert werden und die Ruhe ohne meine ständige iphone-Push-Nachrichten konnte ich  manchmal sogar auch genießen.

Außerdem ist mir gerade beim Fleisch klar geworden: Ich brauche das eigentlich nicht. Im Gegenteil: Ich fühle mich oft künstlich voll nach dem Fleischessen. Und ich liebe doch auch fast alle Tierchen. Der Gedanke, jetzt wieder ein totes Tier zu verspeisen, fühlt sich irgendwie falsch an. Auch wenn ich mich gleichzeitig sehr auf die eher abstrakteren Aufschnitte (Schinken! Salami! Speck!) freue. Aber ob mir so ein ganzes Steak noch schmeckt?

Während ich mit dem Mann das von ihm gekochte (oben abgebildete und unheimlich köstliche) letzte Fastenmahl genoss, haben wir überlegt, wie wir es schaffen, nicht wieder in übermäßigen Fleisch- und Weinkonsum zurückzufallen – obwohl wir wieder „dürfen“. Die Idee sich selbst Obergrenzen zu setzen, behagt ihm nicht so recht. Mein Vorschlag war: Nicht mehr als drei Portionen Fleisch die Woche, wobei auch die Schinkenscheibe auf dem Brötchen als Portion zählt. Und Wein nur am Wochenende. Ich verstehe jedoch sein Unbehagen sich etwas auf Dauer zu verbieten, und eben nicht nur für sieben Wochen. Nur fällt mir nicht so recht ein, wie ich sonst das wundervolle „wir können auch ohne“-Gefühl und eben auch eine gewisse Mässigung erhalten könnte.

Habt ihr eine Idee?

Ich blogge zu lange Beiträge und frage mich gerade, ob die überhaupt jemand bis zum Schluss liest. Wer es geschafft hat, dem gelten nun meine besonders herzlichen Ostergrüße. Genießt die Feiertage auf eure Weise – ob mit oder ohne Fleisch, mit oder Alkohol, der Internetsucht fröhnend oder den PC-versteckend!

Vegetarierin, Antialkoholikerin und iPhone-Einschränkerin auf Zeit – ein Fasten-Zwischenbericht

Auch wenn ich grad wenig zum Bloggen komme, da mein neuer Job mich sehr beansprucht  (aber auch wunderbar aufregend ist), möchte ich doch ein kurzes Fasten-Update machen.

Seit die ersten schlimmen Tage überwunden sind, fällt es eigentlich recht leicht, bei den Gerichten jeweils die vegetarische Variante zu wählen. Aber ich finde es erschreckend, wie viele Restaurants fünf Mittagsgerichte anbieten – und kein einziges davon ist fleischlos! Vegetarische Variante heißt dann leider oft: reiner Beilagenteller und das oft noch ohne Soße, denn in der schwimmt ja das Fleisch. Andererseits habe ich mich zum Beispiel im indischen Restaurant sehr wohl gefühlt, wo tausend verschiedene Aromen auf der Zunge kribbelten und mir geschmacklich rein gar nichts fehlte. Ja, auf der Karte stand sogar provokative „Fleisch ist nur für Bedürftige“. Was natürlich kaum jemand davon abhielt das Curry-Hühnchen zu bestellen. Ich habe mich plötzlich sehr erhaben und edel gefühlt und mein Mahl zur ayurverdischen Kur erklärt.

Derweil bombardiert mich mein Arbeitskollege mit militanten Heftchen, die das Vegetarierdasein anpreisen als die einzig wahre und natürliche Lebensform. Darin steht zum Beispiel, dass Menschen einen typischen Pflanzenfresser und keinen Fleischfresserdarm hätten. Er sieht wohl eine echte Chance, mich als einzige Arbeitskollegin auch zum Vollzeitvegetarierdasein zu bewegen. Ich weiß noch nicht so recht. Spätestens wenn die Grillsaison losginge, würde ich schwach, fürchte ich.

Der Alkoholverzicht fällt mir nicht schwer. Nur würde ich eigentlich gerne mal wieder ausgehen und tanzen – und da habe ich ein wenig Bammel vor, so ganz ohne Alkohol. Ich befürchte, dass ich mich zwischen all den Betrunkenen nicht wohlfühlen würde. Und plötzlich den ganzen Rummel an einem Wochenende in einem Club ziemlich albern fände. Und welche Konsequenz hätte das? Ich würde mich alt fühlen. Das will ja keiner.

Ich muss auch sagen, dass ich mich gesünder fühle, da ich erstaunlich lange schon weder Kopfweh noch irgendwelche Magenbeschwerden hatte. Das kann natürlich Zufall sein oder auch daran liegen, dass ich jetzt meine Achtsamkeit viel mehr als sonst auf meine Ernährung und mein Wohlbefinden richte. Aber ich beobachte das dennoch mal gespannt weiter.

Was meine digitale Abstinenz angeht, muss ich mich wohl tadeln. Dass ich keine Pushfunktionen mehr aktiviert habe, führt nicht im geringsten dazu, dass ich seltener Emails, Twitter und Facebooknachrichten checke. Auch das iPhone mal eine halbe Stunde in einen anderen Raum zu legen, stehe ich kaum durch. Da habe ich wohl eindeutig das größte und hartnäckigste Suchtpotential entwickelt.

Die Reaktionen auf meine Fasterei waren bisher durch die Bank positiv. Nur bei einem Freund habe ich leichte Kritik herausgehört, dass es beim Fasten doch um mehr gehe als um Ernährung und mein Wohlbefinden – ihm fehlt bei mir die religiöse Komponente. Braucht es diese denn, um Verzicht zu üben?