Schlagwort-Archive: Trimm-Dich-Pfad

Entdeckungen im Kleinstadtleben

„Du weißt schon, dass du Stadtleute nicht aufs Land kriegst? Dich wird keiner mehr besuchen!“

„Wie? Bist du etwa schwanger?“

So in etwa lauteten die Reaktionen, als ich aus dem schönen Basel hinaus in eine Kleinstadt vor den Toren Basels gezogen bin. Es war schlicht das liebe Geld, das mich zum Umzug bewegte und die Tatsache, dass zwei Studierende in einer Großstadt gemeinsam keine Wohnung erhalten. Offenbar sind wir ein zu großes Risiko für Vermieter. Und ja, das Leben scheint schon manchmal arg weit weg hier draußen. Aber ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen und muss sagen, es gibt einige Dinge, die ich hier wiederentdeckt habe. Und genau diese Dinge machen das Leben auch in einer Kleinstadt lebenswert.

1. Der Wochenmarkt

Jeden Samstag kaufen wir unser Gemüse bei Bauern aus der Region auf dem Marktplatz. Das ist alles andere als Fast-Food. Die pflegen nämlich ihr „Schwätzchen“ mit jedem einzelnen Kunden. Wartezeit für einen Salatkopf: mindestens 15 Minuten.  Das mag zwar wie eine willkommene Entschleunigung meines hektischen Lebens klingen, aber Himmel, was hat das meine Geduld schon strapaziert! Bis ich dann plötzlich selbst an der Reihe war, das erkennende: „O hallo, was darf es denn diesmal sein?“ hinter dem Stand ertönte und ich zum Abschied sogar noch einen Apfel mit auf den Weg bekommen habe – kostenlos für Stammkunden.

2. Die Stadtbücherei

Was habe ich als Kind, kaum konnte ich die ersten Wörter entziffern, meinen Ausleihausweis überstrapaziert. Buch um Buch wurde unter der Bettdecke mit Taschenlampe verschlungen – und das alles kostenlos, denn ich war ja noch Schülerin und sollte daher gefördert werden! Vor lauter Amazon und Unibibliothek habe ich in den vergangenen Jahr(zehnt)en völlig vergessen, dass es etwas so Schönes wie Stadtbüchereien gibt. Der Bibliothekar meiner neuen Heimatkleinstadt hat sich fast überschlagen vor Hilfsbereitschaft, als eine junge Frau bei ihm für 7 Euro im Jahr eine Mitgliedschaft haben wollte. Seither schleppe ich Stapel hin und her. All meine fixen neuen Hobbyideen – erstmal ein Buch leihen. Das Urlaubsziel? Den Reiseführer kann man auch leihen. Langeweile im Auto? Hörbuch leihen! Nix im Fernsehen? Sogar anspruchsvolle Filme gibt es hier.

3. Second-Hand-Klamotten

Zugegeben: wahrscheinlich gibt es in einer Großstadt mehr Second-Hand-Läden als in meiner Kleinstadt. Nur bin ich in einer Großstadt gar nicht erst auf die Idee gekommen, diese auch zu nutzen. Das lag daran, dass mich überall Boutiquen und Modeketten anbrüllten.  Da habe ich die kleinen Hinweisschilder auf Second-Hand-Läden in Hinterhöfen meist übersehen. Und wenn ich mich doch mal in einen verirrte, waren alle tragbaren Sachen in kleinen Größen längst weg – in Sachen Mode gibt es eben viel ausgefuchstere junge Damen als mich – mit Spürnase für den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Laden. Hier in der Kleinstadt aber bringen ganz normale Menschen sehr geliebte Kleidungsstücke, die ihnen leider zu eng geworden sind, in den einzigen Second-Hand-Laden der Stadt. Auch ich habe das getan. Und als ich vor einigen Tagen meinen Verkaufserlös abholte (immerhin 23 Euro für eine Tüte voller Klamotten, die ich ohnehin nicht mehr tragen konnte), erzählte mir die Verkäuferin ganz aufgeregt folgende Geschichte:

„Ach, sie waren doch die mit dem roten Abendkleid! Stellen Sie sich vor – das wollten so viele Frauen probieren! Aber ich hab immer gesagt: nein, das ist zu schmal – das probieren Sie nicht, sie machen mir das noch kaputt! Ja, wissen Sie, da muss ich schon aufpassen. Bei so einem schönen Kleid! Aber dann kam ein ganz junges superschmales Mädchen. Und die wird das Kleid jetzt bei ihrem Abiball tragen und ist total glücklich!“

Es ist mir nicht leicht gefallen, mich von dem roten Kleid zu trennen, dass mich auf viele Hochzeiten und in Musicals begleitet hat. Aber jetzt bin ich sehr froh, dass ich es getan habe. Und mit einem Teil des Erlöses habe ich dann selbst noch zugeschlagen und Kleidern ein zweites Leben verpasst.

4. Trimm-dich-Pfad/Vita Parcours

Zehn Minuten Fußmarsch von unserer Wohnung und wir sind mitten im Grünen. Und in diesem grünen Dickicht habe ich doch tatsächlich einen alten Trimm-Dich-Pfad entdeckt! Der mit den blauen Schildern! Ich weiß nicht, wer sich noch erinnert, aber das war einmal DER Fitnesshype für die Massen. Inzwischen haben den Parcours aber die meisten Gemeinden verfallen lassen. Sicherlich sind auch die meisten Übungen längst überholt und neueste sportmedizinische Erkenntnisse sagen: bloß nicht! Trotzdem hat es Spaß gemacht mit dem Mann mal wieder genau die 20 Stationen zu turnen, die ich als Kind so oft mit meinen Eltern durchlaufen habe. Und noch immer sind manche der Übungen ein absolutes Mysterium für mich! Wer mir erklären kann, wie die auf dem Foto abgebildete Übung funktioniert – für den lasse ich mir einen exklusiven Preis einfalllen!

Soweit meine Kleinstadtimpressionen. Der Mann hat übrigens eine andere Theorie, warum ich mich hier recht wohlfühle. Er meint, in mir würde ein ziemlich großer Spießer wohnen, der schon lange darauf hofft, endlich ausbrechen zu dürfen. Er hat natürlich unrecht. Hoffe ich.