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Zwar nicht die Welt, aber diese Bretter bedeuten doch viel

Noch ist der Saal leer - aber schon bald sind alle Plätze belegt.

Ein Satz noch. Ich wippe auf und ab und balle meine Hände nervös zu Fäusten. Letzter Satz. Ich schlucke und puste alle mir zur Verfügung stehende Luft aus, um mein pochendes Herz in den Griff zu bekommen. Stichwort. Ich schiebe den Vorhang zur Seite und versuche im gleißenden Licht den Strich auf dem Boden zu finden, der meinen Platz markiert.  Jetzt liegt es an mir – an mir ganz allein. 180 Augenpaare im großen Saal sind auf mich gerichtet. Ich bin froh, dass ich im Scheinwerferlicht nur die ersten Reihen sehe – und auch diese nur in einem weißen Schleier.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich auf der Bühne stehe. Genau genommen ist es vielleicht das letzte Mal. Auf jeden Fall das letzte Mal in diesem Jahr – dann liegt es in den Händen des Regisseurs, ob ich auch nächstes Jahr wieder mit zum Team gehöre. Das Team besteht aus etwa sechs völlig unterschiedlichen und unglaublich interessanten Persönlichkeiten. Ich will ehrlich sein: Ich platze fast vor Stolz, dass ich bei diesem kleinen Theaterensemble dabei sein darf. Im Winter stehen wir fast jedes Wochenende zusammen im Mittelpunkt und spielen Krimis. Ich habe mein Leben lang davon geträumt Theater zu spielen – aber irgendwie fehlte immer die Gelegenheit dazu. Dann wurde ich völlig aus dem Nichts gebeten einzuspringen. Zwei Vorstellungen später bin ich fest dabei und bekomme sogar noch Geld für diese große Freude. Ich habe zur Zeit nicht viele Dinge, für die ich das Schicksal, Gott oder wen auch immer loben möchte. Aber für diese Gelegenheit bin ich unglaublich dankbar.

Es ist auch nicht meine erste Soloszene für die ich jetzt auf der Bühne stehe. Aber es ist meine emotionalste. Gerade habe ich erfahren, dass der Mann, den ich liebe ein Spion ist. Und auch mich nur benutzt hat. Jetzt klage ich also und überlege, wie es weitergehen soll. Und irgendetwas ist an diesem Abend, da ich diese Szene spiele anders. Ich FÜHLE tatsächlich, wie es mir in dieser Situation gehen müsste. Während sich meine Stimme überschlägt, ich schreie, schimpfe und seufze, vergesse ich völlig die Zeit und den Ort an dem ich spiele. Dann ein kurzer Augenblick Klarheit. Und in diesem sehe ich, dass alle Zuschauer mucksmäuschenstill sind und mir zusehen.  Da wir heute bei einer Weihnachtsfeier spielen, ist das keine Selbstverständlichkeit und freut mich sehr.

Nach dem Stück sitze ich mit den Schauspielern beisammen und wir trinken ein Glas Wein auf unseren letzten Auftritt. Normalerweise schnattere ich munter mit: Wortwitze, Zeilen aus vergangenen Stücken und gegenseitiges Necken bestimmen die Runde. Heute aber bin ich eher still. Der Regisseur bemerkt es, lächelt mich verständnisvoll an und meint: „Du bist wahrscheinlich ganz schön müde, oder?“

Ohja. Ich habe schließlich auch einiges erlebt da auf der Bühne…