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Der Schlecker-Effekt.

Ich wohne neben einer dieser frisch geschlossenen Schleckerfilialen. Meine Trauer über die Schließung hält sich in Grenzen, da ich wirklich nur im Notfall in dieses unfreundliche, vollgestellte Lädelchen getrottet bin. Meine Großeinkäufe mache ich bei dm – weil ich mich dort wohl fühle und auch ein bisschen, weil Götz Werners Wertvorstellungen soviel besser zu meinen passen, als die der Familie Schlecker.

Als nun vor einigen Woche die ersten„alles 30 Prozent reduziert“-Schilder ausgehängt wurden, löste das bei mir zwei widersprüchliche Reaktionen aus:

  1. Oh – was für eine Gelegenheit, meine Kosmetikprodukte-Sucht zu befriedigen!
  2. Aber will ich wirklich den armen, bald arbeitslosen Mitarbeiterinnen an der Kasse in die Augen sehen?

Während ich diese Gedanken hin und herwiegte vergingen die Tage – und ich ging nicht zu Schlecker. Aber ich beobachtete. Nämlich, dass erstmals, seit ich im August 2011 hier eingezogen bin, der Schlecker-Parkplatz voll besetzt war. Ja, mehr noch: die ganze Straße war zugeparkt mit Schäppchenjägern. Da fielen mir einige Zeilen ein, die ich kürzlich in dem sehr witzigen Buch über Deutsche und Schweizer gelesen hatte. Schweizer bezeichnen uns Deutsche nämlich, ganz egal aus welcher Region wir stammen, immer als Schwaben. Ein Grund dafür sei unsere Sparsamkeit. Ich zitiere:

„Sparen ist in Deutschland Volkssport und diesem wird ungehemmt gefrönt. (…) Was wieviel kostet, ist ein Lieblingsthema aller Deutschen im In-, aber vor allem im Ausland. (…) Der Preis entscheidet beim Deutschen darüber was gekauft wird. Der Schweizer geht einen Schritt weiter. Zwischendurch überlegt er auch mal, was er für sein Geld erhält und wägt das Preis-Leistungs-Verhältnis ab. Er ist sich bewusst, dass es dem benachbarten Bauern letztlich zugute kommt,  wenn er Schweizer Erdbeeren statt portugiesiche kauft.“ (Willmeroth Sandra & Fredy Hämmerli: „Exgüsi. Ein Knigge für Deutsche und Schweizer zur Vermeidung grober Missverständnisse“)

Als ich nun also die Autoschlange bei Schlecker begutachtete fragte ich mich, ob das wirklich stimmte. Sind wir Deutschen gewissenlose Billigeinkäufer? Nun wohne ich ja in der Grenzregion und sehe jeden Samstag auch „gewissenlose“ Schweizer riesige Einkaufswagen durch deutsche Supermärkte schieben, bei denen ich mich wundere, dass sich diese unter der Last der Waren überhaupt noch rollen können. Und nein – in den Wagen liegen sicher nicht nur regionale Bioprodukte.  Sicherlich ist hier also auch ein Stück Selbstprojektion am Werk.

Dennoch muss ich zugeben: In der Schlecker-Schlange habe ich kein einziges Schweizer Kennzeichen entdeckt. Meine absolut nicht representative Beobachtungsstudie ergab also, dass die Schweizer entweder nicht von dieser Schnäppchen-Gelegenheit Wind bekommen hatten. Oder, dass sie doch das leise, aber sehr unangenehme Gefühl vom Leid anderer zu profitieren davon abhielt, den Wagen bei Schlecker vollzupacken.

Erst viel später (daher kommt auch dieser Blogeintrag erst zwei Wochen nach der Schließung der Filiale) kam mir ein ekelhafter zweiter Gedanke: Vielleicht lässt sich der plötzliche Andrang an der unbeliebten Schlecker-Filiale in meinem Wohnquartier ja auch noch anders als mit der reinen Schnäppchengier erklären. Vielleicht ist es der Gaffer-Effekt. Es könnte sein, dass die Schlecker-Einkäufer schlicht neugierig waren, wie es den Verkäufern geht und wie eine Drogerie aussieht, deren Regale sich allmählich leeren. Ja, vielleicht wollten sie einfach live dabei gewesen sein, wenn eine Filiale zugrunde geht.