Schlagwort-Archive: Leben

„Du machst das gut – und ich sehe es!“

Vergangene Woche hat meine direkte Vorgesetzte um einen Gesprächstermin mit mir gebeten. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber Termine bei/m ChefIn heißen für mich: Es gibt Ärger oder einen Umbruch. Ein wenig nervös war ich also heute schon, als so weit sein sollte, schon.

Buddha-AntenneDann wollte sie wissen, wie es mir geht. Ob ich mich wohl fühle, ob ich mir vorstellen kann länger zu bleiben und ob es noch etwas gibt, was wir anders gestalten könnten, damit es für mich wirklich passt. Es war ein sehr angenehmes Gespräch und ich habe mich gefreut, dass sie sich zwischen all ihren anderen Aufgaben Zeit für mich genommen hat – zumal es wirklich keinen aktuellen Anlass dazu gab. Dafür habe ich mich bedankt und was sie erwiderte, hat mich sehr berührt:

„Ich hätte das Gespräch gerne auch schon früher geführt. Menschen, die ihre Sache sehr gut machen und keinen Anlass für Sorgen oder Ärger geben, laufen Gefahr keine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich wollte dir einfach sagen: Ich sehe es! Und ich bin sehr froh, dass wir dich haben.“

Ich fand das wunderschön und nachahmenswert! Wann habt ihr zuletzt jemandem dafür gedankt, dass etwas einfach gut läuft? Dass er es euch nicht schwer macht? Probiert es aus! Ich verspreche euch, ihr werdet überraschte Blicke und Freude ernten 🙂

Sommerhitze vs. Winterfrost

Winterfrost: Ha! Hab ich es dir doch gesagt!

Sommerhitze: Was hast du gesagt?

Winterfrost: Die Menschen hassen dich. Und da ändert es nichts, aber auch gar nichts, wenn du mir monatelang das Feld überlässt und dich selbst entbehrlich machst. Kaum tauchst du wieder auf, stöhnen die Menschen.

Sommerhitze: Das sind Freudenseufzer! Sieh doch nur, wie die Menschen vor mir darnieder liegen in den Strandbädern der Republik. Sie beten mich an.

Winterfrost: Und dabei verbrennen sie elendig…

Sommerhitze: Sie gewinnen an Farbe! Dafür, dass Menschen zu dumm sind Sonnenkreme zu benutzen, dafür kann ich nun wirklich nichts. Vor dir hingegen verstecken sie sich in ihren Häusern.

Winterfrost: Und sind dort produktiv! Sie bewegen sich, damit ihnen nicht kalt wird. Du hingegen lähmst sie. Sommer – du bist schlecht fürs Bruttosozialprodukt!

Sommerhitze: Dass ich nicht lache! Wenn du so richtig los legst, dann kommen die Menschen ja nicht einmal mehr zur Arbeit. Züge fallen aus, Straßen sind gesperrt – wer von uns schadet hier bitte der Wirtschaft?

Winterfrost: Na du! Kaum Textiles will die Welt mehr tragen, wenn du sie im Griff hältst. Und was da plötzlich so frei liegt, ist auch nicht immer schön anzusehen.

Sommerhitze: Ja, weil DU die Menschen doch zwingst, sich im Winter eine schützende Fettschicht anzufressen. Gäbe es nur mich wären die Menschen immer gebräunt, schlank und gut gelaunt.

Und so weiter und so fort.

Falls ihr euch also wundert, wohin die Übergangsphasen verschwunden sind, die sich mal Frühjahr und Herbst nannten: Diese sind ursprünglich aus der Verschmelzung von Sommerhitze und Winterfrost hervorgegangen. Aber diese beiden haben sich leider nicht mehr lieb.

Auf Tuchfühlung mit den Wildkräutern – mein Seminarbericht

So abwechselungsreich ist mein Salat seit dem Wildkräuterkurs

So abwechselungsreich ist mein Salat seit dem Wildkräuterkurs

Kleine, herzförmige Blätter am Boden sind die ersten Frühlingsboten. Bald schon kommen gelbe Blüten nach. „Aber die eigentlich Kraft liegt unter der Erde“, sagt Victoria und lockert mit einem kleinen Spaten den Boden. Dann zieht sie die Wurzeln heraus und streift vorsichtig die Erde ab. Winzige Kartöffelchen kommen zum Vorschein. „Stellt euch vor, wie bei einem starken Regenguss plötzlich hunderte dieser Wurzeln frei lagen – die Menschen dachten, der Himmel hätte ihnen Nahrung geschickt.“ Nahrung, die sie gesund hielt. Die Pflanze, die gerade im Wildkräuterkurs der Wegwarte begutachtet wird, heißt Scharbockskraut und steckt voller Vitamin C. Dieses wiederum schützte vor Skorbut. Und „Scharbock“ war die altertümliche Bezeichnung der Vitaminmangelkrankheit.

Persönliches Seminarziel: Speiseplanerweiterung und Ruhe

Ob Gundermann, Knoblauchrauke oder Spitzwegerich: Mein Hauptziel, als ich mich beim Wildkräuterseminar von Victoria Günter-Pavel und Karl Raczek anmeldete, war, die Leckereien unserer Wiesen und Wälder künftig selbst erkennen und meine Speisen damit zu verfeinern. Nebenziel: Ruhe. Einfach mal drei Tage entspannen fernab vom Alltag. Und diese Entspannung beginnt eigentlich schon vor Kursbeginn, als ich einem Arbeitgeber nach dem anderen mitteilte, dass ich ihm schönen Odenwald vermutlich keinen Handyempfang haben werde.

Aber die Seminare der Wegwarte bieten noch mehr. Es geht auch darum, den Körper zu entgiften und besser kennen zu lernen, die eigenen Ernährungsgewohnheiten – und vielleicht auch ein bisschen die Lebensgewohnheiten – zu überdenken und den Kontakt zur Natur zu spüren.

Der Tag beginnt mit Öl im Mund

Ein Seminartag beginnt dabei äußerst unangenehm: Mit einem Esslöffel Sonnenblumenöl, der zehn Minuten im Mund bleiben und durch die Zähne gesaugt werden soll. Dieses kaltgepresste Öl schmeckt widerlich – unterstützt aber den Entgiftungsprozess und soll rundherum die Gesundheit stärken. Genauso wie das Wasser mit Heilerde, das direkt nach dem Ölkauen getrunken wird. Ich merke vor allem eines: Der unangenehme Geschmack, den man oft nach dem Aufstehen im Mund hat, ist sofort weg. Zudem löst sich der Schleim. Es muss also etwas dran sein an der reinigenden Wirkung des Öls. (Hier habe ich mehr Informationen zum Ölkauen gefunden).

Nach dem Sammeln wird gewaschen und sortiert.

Nach dem Sammeln wird gewaschen und sortiert.

Anschließend gewinnt der Tag für mich enorm: Beim gemeinsamen Yoga mit viel Feueratem werde ich richtig wach, um dann mit einem Teil der Gruppe Brennnesseln fürs Frühstück zu sammeln. Ja, richtig gelesen: Brennnesseln. Außer mir scheint jeder in diesen drei Tagen eine Beziehung zur Pflanze aufzubauen, die es ihm erlaubt, die Brennnesselspitzen ganz ohne Schutz abzuzupfen. Ich hingegen verbrenne mir sogar DURCH meine Handschuhe die Finger. Manchmal ist es eben kein einfacher Weg, an die Heilkräfte der Natur zu kommen. Zudem schmecken Brennnesseln für mich leider nach nicht viel mehr als nach als Heu. Dass Brennnesseln aber wirken, spüre ich sofort, als ich sie – durch den Fleischwolf gedrückt – in meinem Müsli esse: Meine Wangen glühen und ich habe fürchterlichen Durst.

Trinken, trinken und nochmals trinken

Überhaupt die Sache mit dem Trinken: Beim Entgiften ist Kopfweh eine häufige Nebenerscheinung. Und nur eines verspricht Milderung: Literweise Wasser zu trinken. Immer und immer wieder. Viele aus unserer Gruppe, inklusive mir, sind es nicht einmal gewohnt, die empfohlenen 1,5 Liter täglich zu sich zu nehmen. Um tatsächlich auf drei bis vier Liter am Tag zu kommen, lassen wir uns immer wieder ermahnen – mal von unserem dröhnenden Kopf, mal von Victoria und Karl.

Eine Wiese ist nicht nur eine Wiese!

Am Nachmittag findet dann das Herzstück unseres Kurses statt. Wie neugierige Kaninchen kauern wir im Grünen um Victoria herum und lauschen ihren Geschichten über Heilkräfte und Legenden, die mit den einzelnen Pflanzen verbunden ist. Bald schon sieht für mich keine Wiese mehr wie die andere aus. Überall erkenne ich Pflänzchen wieder, pflücke und nasche. Anschließend sammeln wir für den großen Salat zum Abendessen.

Von Säuren und Basen

Der Salat, in dem sich all unsere Kräuter tummeln, bildet das Hauptnahrungsmittel unseres Tages. Dazu hat Karl Raczek Beilagen zubereitet, die entweder basisch, oder neutral sind. Kartoffeln, Gerste oder Quinoa zum Beispiel. So soll der Entgiftungsprozess richtig in Gang gebracht werden und die durch unsere „normale“ Ernährung meist übersäuerten Körper sollen sich erholen können. (Da ich nicht noch einmal alles erzählen möchte, was schon oft gesagt wurde: Hier ein guter Artikel zum Säure-Basen-Haushalt.)

Aus Wildkräutern lassen sich auch fantastische Torten machen.

Aus Wildkräutern lassen sich auch fantastische Torten machen.

Am Abend haben wir ein ruhiges Programm – wir massieren uns gegenseitig die Füße, entgiften weiter mit warmen Leberwickeln und gehen vor allem früh ins Bett.

Was meine Entgiftungserscheinungen angeht habe ich Glück: Mich plagen Kopfweh, mein Gesicht ist plötzlich ein pickliger Streuselkochen, mein Schweiß riecht streng und ich muss viel schlafen. Andere entgiften plötzlicher und schmerzvoller: mit Bauchkrämpfen, Tränen, Übergeben.

Ist es das wert? Ja!

Die eigentlichen Früchte meiner Entgiftungsarbeit und meiner Zeit mit mir selbst ernte ich erst zuhause: Ich habe seit Monaten nicht mehr so viel Energie gespürt wie in den Tagen nach der Kur. Ich stehe wieder gerne auf – ich sprudle vor Ideen. Vor dem Seminar hatte ich wochenlang an der Schwelle zu einer Erkältung gestanden, die nicht so recht ausbrechen wollte, deren Kopfweh und Müdigkeit aber meine ständigen Begleiter waren. Diese Erscheinungen sind wie weggeblasen.

Aber nicht nur körperlich hat mir die Zeit gut getan. Ich bringe eine Gelassenheit gegenüber meiner unsicheren beruflichen Situation mit, die ich so von mir nicht kenne. Und die ich mir hoffentlich lange Zeit erhalten kann. Dazu haben auch die vielen guten Gespräche geführt, die ich mit den Kursteilnehmerinnen und Leitern hatte. Die Stimmung in diesen Tagen war sehr offen und einfühlsam und nicht nur einmal habe ich gehört, dass es für mich besonders wichtig sei, den Kopf auch mal auszuschalten und mehr auf die innere Stimme zu hören. Keine leichte Aufgabe für eine Akademikerin – aber ich habe die Ohren nun auch nach Innen gespitzt.

Und natürlich bin ich seit meinem Seminar immer wieder mit einem Sammelkörbchen im Freien anzutreffen.

Mehr über die Wildkräuterseminare der Wegwarte findet ihr hier unter www.weg-warte.ch

Wenn ihr jetzt am liebsten selbst suchen gehen möchtet: Ich habe relativ wenige Internetseiten gefunden, mit einer Übersicht an Kräutern. Hier ein Beispiel. Es gibt aber eine recht gute Wildkräuterapp fürs iPhone. Sie heißt „iPan Kräuter“ . Aber natürlich ersetzt nichts den Gang mit einem Kenner ins Grüne, damit ihr die Kräuter auch wirklich einmal seht und riecht. Und wenn ihr unsicher seid, gilt sowieso immer: lieber stehenlassen!

Mit Smalltalk voll ins Fettnäpfchen

Ich mag keinen Smalltalk. Wobei nicht mögen eigentlich untertrieben ist: Ich KANN keinen Smalltalk. Stell eine neue Person vor mich hin und schon nach wenigen Minuten werde ich ihr eine sehr persönliche und sehr tief gehende Frage stellen – was mal sehr gut, mal überhaupt nicht ankommt.

Letzte Woche wurde mir der Studienkollege eines Freundes vorgestellt – und man stand so rum mit Sekt in der Hand – eine typische Smalltalk-Gelegenheit eben. Ich entdeckte einen Ring an seiner rechten Hand und wunderte mich etwas – er sah noch sehr jung aus. Ein Freundschaftsring ist in der Schweiz nichts seltenes – aber eben an der linken Hand.Der Beziehungsstand ist kein allzu intimes Thema, wenn man ihn schon so offen an der Hand trägt, befand ich. Und fragte als, ob er schon verheiratet sei.

Er, lächelnd: Nein.

Ich: Aber warum trägst du dann den Ring an der rechten Hand?

Der Freund springt helfend ein: Weißt du, wenn man schon acht Jahre in einer Beziehung ist..

Ich: Verstehe.

Und hake noch einmal nach: Nach wievielen Jahren hat der Ring denn bei dir so die Hand gewecheselt?

Er: Er war immer an der rechten.

Da dieses Thema nicht allzu ergiebig schien, wechselten wir dann also hin zu einem anderen. Auf der Heimfahrt dann fragte mich mein Kollege, ob ich denn so hätte auf diesem Thema rumhacken müssen.

Ich: Hab ich doch gar nicht – wieso?

Er: Ja, hast du nicht gesehen, dass er ihn links gar nicht hätte tragen können, den Ring?

Ich: Nein, wieso denn?

Er: Weil ihm dort zwei Finger fehlen.

Lernpanik! Wenn der eigene Ehrgeiz ein Bein stellt…

Kann mir irgendwer erklären, wie es soweit kommen konnte, dass wir nun schon den 17. November haben? Heute in drei Wochen schreibe ich die erste Prüfung, ich lerne schon seit acht Wochen und ich habe das Gefühl am Anfang zu stehen!!

Ich dachte immer, so etwas kann nur passieren, wenn man prokrastiniert. Wenn man das Lernen vor sich hinschiebt. Aber das Gegenteil ist der Fall! Wenn man zu früh anfängt, hat man die Zeit sich in Details zu verlieren und noch ehrgeiziger zu werden.

Ich habe meiner Professorin Nummer drei die Literaturliste geschickt mit dem Hinweis, dass ich gerne zeigen möchte, wie in der Blogosphäre ein neues System im Luhmannschen Sinne entsteht und auf die Systeme Medien und Wissenschaft wirkt (siehe vorheriger Eintrag). Als sie mir zur Vorsicht riet, legte ich ihr in etwa das dar, was ich euch auch schon erzählt habe. Ihr Kommentar: „Auch wenn das sehr interesannt klingt, liebe Frau Laune, würde ich Ihnen abraten. Das ist frühestens (!) eine Überlegung für die Masterarbeit – nicht für einen Bachelorprüfungsessay. Keep it simple!“

Jetzt stehe ich hier vor einem Wust von Material. Denn in den anderen zwei Prüfungsfächern habe ich ja ähnlich in die Tiefe gearbeitet… Und ich weiß, dass meine Professorin Recht hat! Ich habe einmal vier und zweimal zwei Stunden Zeit zu schreiben (von Hand). Da muss meine Argumentation zwar einerseits zeigen, dass ich viel weiß und gelesen habe, darf aber andererseits doch nur an der Oberfläche bleiben, weil sonst die Zeit schlicht nicht reicht.

Wie das gehen soll? Keine Ahnung. Mich lähmt gerade die Panik, dass ich sehr viel, aber doch absolut nichts Brauchbares für die Prüfung in der Hand habe. Und gleichzeitig bin ich auch schon so erschöpft…

 

Entdeckungen im Kleinstadtleben

„Du weißt schon, dass du Stadtleute nicht aufs Land kriegst? Dich wird keiner mehr besuchen!“

„Wie? Bist du etwa schwanger?“

So in etwa lauteten die Reaktionen, als ich aus dem schönen Basel hinaus in eine Kleinstadt vor den Toren Basels gezogen bin. Es war schlicht das liebe Geld, das mich zum Umzug bewegte und die Tatsache, dass zwei Studierende in einer Großstadt gemeinsam keine Wohnung erhalten. Offenbar sind wir ein zu großes Risiko für Vermieter. Und ja, das Leben scheint schon manchmal arg weit weg hier draußen. Aber ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen und muss sagen, es gibt einige Dinge, die ich hier wiederentdeckt habe. Und genau diese Dinge machen das Leben auch in einer Kleinstadt lebenswert.

1. Der Wochenmarkt

Jeden Samstag kaufen wir unser Gemüse bei Bauern aus der Region auf dem Marktplatz. Das ist alles andere als Fast-Food. Die pflegen nämlich ihr „Schwätzchen“ mit jedem einzelnen Kunden. Wartezeit für einen Salatkopf: mindestens 15 Minuten.  Das mag zwar wie eine willkommene Entschleunigung meines hektischen Lebens klingen, aber Himmel, was hat das meine Geduld schon strapaziert! Bis ich dann plötzlich selbst an der Reihe war, das erkennende: „O hallo, was darf es denn diesmal sein?“ hinter dem Stand ertönte und ich zum Abschied sogar noch einen Apfel mit auf den Weg bekommen habe – kostenlos für Stammkunden.

2. Die Stadtbücherei

Was habe ich als Kind, kaum konnte ich die ersten Wörter entziffern, meinen Ausleihausweis überstrapaziert. Buch um Buch wurde unter der Bettdecke mit Taschenlampe verschlungen – und das alles kostenlos, denn ich war ja noch Schülerin und sollte daher gefördert werden! Vor lauter Amazon und Unibibliothek habe ich in den vergangenen Jahr(zehnt)en völlig vergessen, dass es etwas so Schönes wie Stadtbüchereien gibt. Der Bibliothekar meiner neuen Heimatkleinstadt hat sich fast überschlagen vor Hilfsbereitschaft, als eine junge Frau bei ihm für 7 Euro im Jahr eine Mitgliedschaft haben wollte. Seither schleppe ich Stapel hin und her. All meine fixen neuen Hobbyideen – erstmal ein Buch leihen. Das Urlaubsziel? Den Reiseführer kann man auch leihen. Langeweile im Auto? Hörbuch leihen! Nix im Fernsehen? Sogar anspruchsvolle Filme gibt es hier.

3. Second-Hand-Klamotten

Zugegeben: wahrscheinlich gibt es in einer Großstadt mehr Second-Hand-Läden als in meiner Kleinstadt. Nur bin ich in einer Großstadt gar nicht erst auf die Idee gekommen, diese auch zu nutzen. Das lag daran, dass mich überall Boutiquen und Modeketten anbrüllten.  Da habe ich die kleinen Hinweisschilder auf Second-Hand-Läden in Hinterhöfen meist übersehen. Und wenn ich mich doch mal in einen verirrte, waren alle tragbaren Sachen in kleinen Größen längst weg – in Sachen Mode gibt es eben viel ausgefuchstere junge Damen als mich – mit Spürnase für den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Laden. Hier in der Kleinstadt aber bringen ganz normale Menschen sehr geliebte Kleidungsstücke, die ihnen leider zu eng geworden sind, in den einzigen Second-Hand-Laden der Stadt. Auch ich habe das getan. Und als ich vor einigen Tagen meinen Verkaufserlös abholte (immerhin 23 Euro für eine Tüte voller Klamotten, die ich ohnehin nicht mehr tragen konnte), erzählte mir die Verkäuferin ganz aufgeregt folgende Geschichte:

„Ach, sie waren doch die mit dem roten Abendkleid! Stellen Sie sich vor – das wollten so viele Frauen probieren! Aber ich hab immer gesagt: nein, das ist zu schmal – das probieren Sie nicht, sie machen mir das noch kaputt! Ja, wissen Sie, da muss ich schon aufpassen. Bei so einem schönen Kleid! Aber dann kam ein ganz junges superschmales Mädchen. Und die wird das Kleid jetzt bei ihrem Abiball tragen und ist total glücklich!“

Es ist mir nicht leicht gefallen, mich von dem roten Kleid zu trennen, dass mich auf viele Hochzeiten und in Musicals begleitet hat. Aber jetzt bin ich sehr froh, dass ich es getan habe. Und mit einem Teil des Erlöses habe ich dann selbst noch zugeschlagen und Kleidern ein zweites Leben verpasst.

4. Trimm-dich-Pfad/Vita Parcours

Zehn Minuten Fußmarsch von unserer Wohnung und wir sind mitten im Grünen. Und in diesem grünen Dickicht habe ich doch tatsächlich einen alten Trimm-Dich-Pfad entdeckt! Der mit den blauen Schildern! Ich weiß nicht, wer sich noch erinnert, aber das war einmal DER Fitnesshype für die Massen. Inzwischen haben den Parcours aber die meisten Gemeinden verfallen lassen. Sicherlich sind auch die meisten Übungen längst überholt und neueste sportmedizinische Erkenntnisse sagen: bloß nicht! Trotzdem hat es Spaß gemacht mit dem Mann mal wieder genau die 20 Stationen zu turnen, die ich als Kind so oft mit meinen Eltern durchlaufen habe. Und noch immer sind manche der Übungen ein absolutes Mysterium für mich! Wer mir erklären kann, wie die auf dem Foto abgebildete Übung funktioniert – für den lasse ich mir einen exklusiven Preis einfalllen!

Soweit meine Kleinstadtimpressionen. Der Mann hat übrigens eine andere Theorie, warum ich mich hier recht wohlfühle. Er meint, in mir würde ein ziemlich großer Spießer wohnen, der schon lange darauf hofft, endlich ausbrechen zu dürfen. Er hat natürlich unrecht. Hoffe ich.

Dinge nacheinander tun

Heute morgen habe ich ein Experiment gewagt. Statt zuerst den PC einzuschalten und in der weiten Welt der sozialen Netzwerke, im Plausch mit Freunden via Skype und beim Lesen der ein oder anderen Newsseite langsam aufzuwachen und nebenher anzufangen etwas aufzuräumen, dann schließlich in Zeitverzug zu kommen, nur noch huschhusch duschen zu können und die Hälfte einzupacken zu vergessen, habe ich versucht die Dinge nacheinander zu tun.

Erst duschen. Dann schminken. Dann aufräumen. Denn Aufräumen war meine wichtigest Aufgabe für diesen Morgen. Und selbst beim Aufräumen wollte ich einen Schritt nach dem anderen machen: Erst die ganzen Klamotten wegräumen, dann die halbvollen Taschen ausräumen und dann Sofa zusammenklappen und Schreibtisch wischen. Klingt das für euch normal? Dann beneide ich euch von Herzen.

Ich tue Dinge gleichzeitig. Alle auf einmal. Und da das Zeitfenster begrenzt und Dinge gleichzeitig zu tun nicht sehr effektiv ist, sieht es am Ende vom Tag oft so aus, als hätte ich gar nichts gemacht – obwohl ich den ganzen Tag sehr geschäftig war. Aber ich habe es nie anders gelernt. Ich motiviere mich durch den ständigen Wechsel selbst. Und beim heutigen Experiment habe ich erst festgestellt, wie schwierig es für mich ist, die Dinge hintereinander zu tun. Ich habe im Grunde nur 90 Minuten aufgeräumt. Aber danach lag ich völlig erschöpft auf dem Sofa und wünschte mir, der Tag sei schon wieder vorbei und ich dürfte zurück ins Bett. Ich habe mich durch diese 90 Minuten quälen müssen, wie andere Menschen sich durch 90 Minuten Bauch-Beine-Po. Ständig wollte ich abschweifen. Etwas anderes sortieren, lieber schonmal das Altpapier wegbringen – ja ich einmal hatte ich sogar Taschen in der Hand, um etwas einkaufen zu gehen, dessen Fehlen mir plötzlich sehr wichtig vorkam (war es nicht). Ich musste mich immer wieder daran erinnern, was ich da tue und mich ermahnen auch dabei zu bleiben. Genau das hat es so anstrengend gemacht – es war ein innerer Kampf.

Jetzt sieht mein Zimmer toll aus. Aber ich bin völlig am Ende. Und ich frage mich, ob ich den Kampf gegen mich selbst nun gewonnen oder verloren habe.