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Solidarität und Flausch

Herzen

Die vergangenen Wochen waren nicht ganz einfach. Und sie vertrüben meinen Blick auf 2012 etwas. Meine Twitter-Follower haben ja mitbekommen, dass ich nicht nur im Prüfungsstress gesteckt habe, sondern auch erfahren habe, dass ich einen sehr unangenehmen Brief der Basler Staatsanwaltschaft erwarte (das passiert, wenn man rote Ampeln einfach so gar nicht sieht…), der Keller ausgebrannt ist und ich sehr viel dabei verloren habe, was ich nicht ersetzen kann (nicht nur, aber auch, weil ich bisher noch keine Hausratversicherung hatte) und dann auch noch der Backenzahn auseinander gebrochen ist.

Ich bin es nicht gewohnt auf Hilfe und Unterstützung angewiesen zu sein und daher war, was dann passierte, eine neue, aber ganz wundervolle Erfahrung für mich. So viele Menschen waren einfach da – mit guten Worten, mit Hilfsangeboten und sogar mit ganz konkreter Hilfe. Ich weiß nicht, ob sie hier genannt werden wollen, deshalb sage ich anonym DANKE.

  • DANKE für Rat, Energie und Anteilnahme an meinen kleinen persönlichen Katastrophen.
  • DANKE für süße Nervennahrung, die ich auch mit in die Prüfung genommen und damit die harten Stunden gut überstanden habe.
  • DANKE für tolle Kleider und ein lustiges Buch, das mich aufgemuntert hat.
  • DANKE für eine Geldspende, die in die Kasse für neue Sommerreifen oder die Campingausrüstung gesteckt wird.
  • DANKE für ein Amazon-Buch, dass mir helfen soll die seltsamen Wege, die das Schicksal manchmal wählt, zu verstehen.
  • DANKE für ein Amazon-Päckchen, über das ich noch nicht mehr weiß, weil ich es erst an Weihnachten aufmachen darf 🙂
  • DANKE für viele Hundefotos – Tiere helfen immer!
  • Und ein besonders herzlicher Dank geht an den Mann, der so viel Geduld hatte und selbst so oft zurückgesteckt hat in der vergangenen Zeit.

So, ich werde sentimental. Weihnachten naht. Ich wünsche euch allen eine wundervolle Zeit und erholt euch gut. Ich darf das dieses Jahr ausnahmsweise auch ein paar Tage tun und bin auch dafür sehr dankbar.

 

Lernpanik! Wenn der eigene Ehrgeiz ein Bein stellt…

Kann mir irgendwer erklären, wie es soweit kommen konnte, dass wir nun schon den 17. November haben? Heute in drei Wochen schreibe ich die erste Prüfung, ich lerne schon seit acht Wochen und ich habe das Gefühl am Anfang zu stehen!!

Ich dachte immer, so etwas kann nur passieren, wenn man prokrastiniert. Wenn man das Lernen vor sich hinschiebt. Aber das Gegenteil ist der Fall! Wenn man zu früh anfängt, hat man die Zeit sich in Details zu verlieren und noch ehrgeiziger zu werden.

Ich habe meiner Professorin Nummer drei die Literaturliste geschickt mit dem Hinweis, dass ich gerne zeigen möchte, wie in der Blogosphäre ein neues System im Luhmannschen Sinne entsteht und auf die Systeme Medien und Wissenschaft wirkt (siehe vorheriger Eintrag). Als sie mir zur Vorsicht riet, legte ich ihr in etwa das dar, was ich euch auch schon erzählt habe. Ihr Kommentar: „Auch wenn das sehr interesannt klingt, liebe Frau Laune, würde ich Ihnen abraten. Das ist frühestens (!) eine Überlegung für die Masterarbeit – nicht für einen Bachelorprüfungsessay. Keep it simple!“

Jetzt stehe ich hier vor einem Wust von Material. Denn in den anderen zwei Prüfungsfächern habe ich ja ähnlich in die Tiefe gearbeitet… Und ich weiß, dass meine Professorin Recht hat! Ich habe einmal vier und zweimal zwei Stunden Zeit zu schreiben (von Hand). Da muss meine Argumentation zwar einerseits zeigen, dass ich viel weiß und gelesen habe, darf aber andererseits doch nur an der Oberfläche bleiben, weil sonst die Zeit schlicht nicht reicht.

Wie das gehen soll? Keine Ahnung. Mich lähmt gerade die Panik, dass ich sehr viel, aber doch absolut nichts Brauchbares für die Prüfung in der Hand habe. Und gleichzeitig bin ich auch schon so erschöpft…

 

Kinder, Kinder

Es war Mitleid. Dieses nette Lächeln, dass mir der auffällig gutaussehnde Mann dort eben in der Straßenbahn zugeworfen hatte, war mir zunächst völlig rätselhaft, aber plötzlich ging mir auf, was es bedeutete. Ich müffle wie ein vor zwei Wochen überfahrener Iltis am Straßenrand, die fettigen Haare hängen wie sorgfältig sortiertes Lametta vom Kopf, mein Gesicht zeugt von wenig Zeit – für Schlaf ebenso wie für Schminke, meine Kleiderauswahl vor allem von praktischem Denken (und die Knie vom Rollersturz am Morgen – aber dazu ein andermal mehr). Während ich dem zornig-schreienden Anderhalbjährigen zuerst Essen, dann den Schnuller, dann körperliche Nähe, einen Platz im Kinderwagen, einen auf dem Straßenbahnsitz, sein Fläschchen, Wiegebewegungen,  und dann wieder etwas zu Essen anbiete (in der Hoffnung, dass er den Beginn der Reihe vielleicht schon vergessen hat), versuche ich die bösen Blicke der anderen Mitreisenden zu ignorieren und denke über dieses Lächeln nach. Klar – das kann nur Mitleid sein. Mein Auftreten hier, lässt sicher auch vermuten, dass ich das nicht nur einmal in der Woche mache, sondern die Mutter dieser Kinder bin. Jetzt poltert der Schuh des Kleinen durch die Bahn und fällt in den Ausstieg. Mit der einen Hand fische ich ihn heraus, mit der anderen hindere ich das schreiende Kleinkind am Hinterherrollen, mit der Hüfte halte ich den Kinderwagen fest. Nur fehlen mir jetzt leider zusätzliche Gliedmaßen. Die große Schwester meines Zornigels hat nämlich meinen Moment der völligen Überforderung genutzt (Moment?), ist vom Sitz aufgestanden und ebenfalls hingefallen. Ich blicke nur eine Millisekunde über den Flur. Das Lächeln ist immer noch da. Nicht hämisch. Nicht interessiert.  Sondern voll ehrlichem Mitleid. Schon spüre ich die Schameshitze aufsteigen, die meinen Iltisgeruch noch besser zur Geltung bringen wird.

Drei mal zehn Stunden. Länger war meine Babysitterkarriere nicht. Eine kurze Übergangslösung auf meiner verzweifelten Suche nach einem neuen Job. Aber offenbar genug Zeit, mitleidige Blicke auf mich zu ziehen. Dabei hat dieser junge Mann doch lediglich einen Ausschnitt des Dramas einsehen können. Dass am Morgen noch gelbe Soße aus dem Nacken des Zornigels tropfte, die Dreijährige kurz vor Heimkehr der Eltern noch das gesamte Bad unter Wasser setzte, ich den insgesamt fast 50 Kilogramm schweren Kinderwagen mit beiden Kids und allem Zubehör noch 20 Minuten einen steilen Berg hochschieben musste und anschließen drei Tage mit einer Magen-Darm-Grippe flach lag, die ich auf genannte gelbe Soße zurückführte – all das konnte er ja nicht ahnen.

Oder konnte er? Zugegeben, ich bin ein naiver Neuling in diesem Job. Von den kleinen und großen Katastrophen, die das Leben mit Kindern so mit sich bringt, hatte ich sehr wahrscheinlich weniger Ahnung als jeder, der die Straßenbahnszene beobachtete. Kinder hatten mich ohnehin bis vor einem oder zwei Jahr noch völlig kaltgelassen. Wenn sie laut waren auch genervt. In meiner Familie hatte ich wenig Kontakt mit diesen mir fremden, und irgendwie unfertigen Wesen.

Dann fing die Sache mit der inneren Uhr an. Und der neue Mann in meinem Leben hatte plötzlich ein sehr liebenswertes Patenkind, das auch noch fünf zuckersüße Geschwister in allen Altergruppen mitbrachte. Der große Mann ging so liebvoll sanft und zugleich auch bestimmt mit dieser Schar um, dass ich das Gefühl hatte, ihn unbedingt auch mal mit den Produkten unserer Genmischung spielen sehen zu wollen.

Dass Mutter sein hart ist, war mir theoretisch auch schon vor meiner Babysittererfahrung klar. Dass ich in drei Tagen selbst nur einen Ausschnitt aller möglichen Katastrophen erlebt habe, ebenfalls. Mein Respekt, den ich jedem Elternteil dort draußen für das tägliche Überleben entegen bringe, ist dennoch durch diese Erfahrung sprungartig ins Unendliche gewachsen.

Doch auch von den wundervollen Dingen, die ein Leben mit Kindern zur Bereicherung machen könnten, habe ich einen Ausschnitt mitnehmen dürfen. Die Dreijährige weiß nun dank mir, was das Wort „Sturm“ bedeutet. Der Zornigel hat sich, wenn ihm etwas bedrohlich erschien, sofort vertrauensvoll  in meine Arme gestürzt, die ihm doch eigentlich fremd waren. Ich habe viele wunderschöne Kinderbücher vorgelesen und gemerkt, wie großen Spaß all die neuen Geräte auf den Spielplätzen machen, die es zu meiner Zeit noch nicht gab. Ich weiß jetzt genau wie man eine Hello Kitty zeichnet. Wehe, ihr kommt auf die Idee, die Schleife erst zum Schluss aufsetzen zu wollen – sie ist das Wichtigste! Und natürlich bin ich fast geplatzt vor Stolz, als die Dreijährige nach dem ersten Babysitting-Tag bei der Mutter evaluierte: „Die mag ich. Sie darf wiederkommen.“

Überhaupt bin ich stolz darauf, dass die Kinder noch leben und ich offenbar nicht alles falsch gemacht habe. Und gleichzeitig dann doch ein bisschen erleichtert, dass ich noch etwas Zeit habe, mich mit dem Gedanken einmal eigene Kinder zu haben, anzufreunden. Weg ist der Gedanke nicht. Daher war es auch umso schmerzlicher als meine Mutter mir schrieb (als Reaktion auf die gute Nachricht, dass ich nun einen Job in meiner Branche gefunden habe):

„Dass du dich in der Babysitter Rolle nicht wohl fühlst, hatte ich kommen sehen, die „lieben Kleinen“ sind halt nicht so ganz deine Welt. Aber gut, wenn man sowas rechtzeitig merkt ;).“  

Auf die Antwort meiner Frage, ob das etwa bedeute, dass sie mir nicht zutrauen würde, mal eigene „liebe Kleine“ großzuziehen warte ich heute noch…