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Grenzgänger-Geschichten: Vorurteil über eure Vorurteile

Als Grenzgängerin hat man es manchmal nicht leicht. So sehr man sich auch bemüht, angepasst und unsichtbar zu sein als Deutsche in der Schweiz – manchmal geht das einfach nicht. Zum Beispiel wenn man mit einem deutschen Kennzeichen zum Schweizer Arbeits- oder Studienort fährt. Irgendwo muss das Auto schließlich auch abgestellt werden, und natürlich möchten wir, genau so wie auch unsereSchweizer Kollegen auch, einen der raren weißen Parkplätze haben. Denn nur auf diesen darf man unbegrenzt und kostenlos stehen bleiben. Den Schweizerinnen und Schweizern liefern wir damit einen Grund mehr die Deutschen zu hassen: „Sie nehmen uns die Parkplätze weg!“ Ihr glaubt nicht, welch böse Blicke ich schon aus Fenstern und von Fußgängern erntete, wenn ich mein Auto nach langer Suche auf einem solchen Parkplatz im Wohngebiet abstellte.

Als ich diese Woche auf einem dieser begehrten Parkplätze stand und mich abends möglichst unauffällig zu meinem Auto schlich, passierte das, was früher oder später unvermeidlich war: Es sprang nicht mehr an. Die Ursache war schnell gefunden: Ich hatte das Licht nicht ausgeschalten und die Batterie war leer. Dummerweise stand ich am Ende einer abgelegenen Sackgasse – ich konnte also nicht darauf hoffen, dass jemand vorbeifahren würde, den ich um Hilfe bitten könnte. Panisch rief ich den Mann an.

„Ich steh im Nirgendwo! Was soll ich denn machen? Ich kann doch nicht bei Leuten klingeln und sie bitten, ihr Auto zu holen und zu überbrücken. Die hassen mich doch eh schon alle.“

Der Mann widersprach nicht und wir heckten gemeinsam einen Plan aus, der gleich mehrere Phasen und viele, viele Kilometer beinhaltete:

  • Er würde mit der Bahn zu seiner Mutter fahren, um ihr Auto auszuleihen.
  • Er würde zu mir fahren, um zu überbrücken.
  • Wir würden mit zwei Autos zu seiner Mutter fahren, um das Auto abzugeben.
  • Wir würden zu uns nach Hause fahren.

Klingt kompliziert? Ist es auch. Und dennoch schien es so viel einfacher und angenehmer als irgendwo zu klingeln. Doch kaum war der Plan geschmiedet, fuhr ein Auto am mir vorbei und stellte sich direkt vor mich. Ich würgte den Mann ab und hoffte das Beste. Ich wurde zur kleinsten Person der Welt, als ich neben dem Auto stand und darauf wartete, dass jemand ausstieg. In meine Bitte flochte ich viele Entschuldigungen ein und noch mehr „eventuell“, „vielleicht“ und „das wäre wirklich freundlich von Ihnen“. So wie ich es in der Schweiz gelernt hatte. Er grinste nur und meinte „Keine Frage.“

Schließlich stellte der junge Mann auch noch sein Überbrückungskabel zur Verfügung, weil ich an meines nicht heran kam (der Kofferraum öffnet sich nur mit Zentralverriegelung und die geht nicht ohne Batterie – großartige Konstruktion). Den Rest machte er im Grunde auch alleine – trotz seines schicken Anzugs, war er es, der im Motorraum herum spielte – ich wirkte schlicht zu unsicher mit den Polen und Kabeln.  Seine Hilfsbereitschaft schien absolut natürlich und obwohl er natürlich ins Hochdeutsche rutschte und mein Nummernschild sah, hatte ich keine Sekunde das Gefühl, dass es ihn stören könnte, dass ich vor seinem Haus einen weißen Parkplatz besetze.

Ich schämte mich plötzlich sehr. Ich hatte Vorurteile gehabt. Vorurteile, dass er Vorurteile haben würde. Ich hatte jeden Schweizer und jede Schweizerin in den Topf „hasst wahrscheinlich Deutsche“ geworfen, nur weil ich einige solche Erfahrungen gemacht habe. Wie schön, dass der Überbrücker mein Bild wieder etwas gerader rücken konnte.

Der Schlecker-Effekt.

Ich wohne neben einer dieser frisch geschlossenen Schleckerfilialen. Meine Trauer über die Schließung hält sich in Grenzen, da ich wirklich nur im Notfall in dieses unfreundliche, vollgestellte Lädelchen getrottet bin. Meine Großeinkäufe mache ich bei dm – weil ich mich dort wohl fühle und auch ein bisschen, weil Götz Werners Wertvorstellungen soviel besser zu meinen passen, als die der Familie Schlecker.

Als nun vor einigen Woche die ersten„alles 30 Prozent reduziert“-Schilder ausgehängt wurden, löste das bei mir zwei widersprüchliche Reaktionen aus:

  1. Oh – was für eine Gelegenheit, meine Kosmetikprodukte-Sucht zu befriedigen!
  2. Aber will ich wirklich den armen, bald arbeitslosen Mitarbeiterinnen an der Kasse in die Augen sehen?

Während ich diese Gedanken hin und herwiegte vergingen die Tage – und ich ging nicht zu Schlecker. Aber ich beobachtete. Nämlich, dass erstmals, seit ich im August 2011 hier eingezogen bin, der Schlecker-Parkplatz voll besetzt war. Ja, mehr noch: die ganze Straße war zugeparkt mit Schäppchenjägern. Da fielen mir einige Zeilen ein, die ich kürzlich in dem sehr witzigen Buch über Deutsche und Schweizer gelesen hatte. Schweizer bezeichnen uns Deutsche nämlich, ganz egal aus welcher Region wir stammen, immer als Schwaben. Ein Grund dafür sei unsere Sparsamkeit. Ich zitiere:

„Sparen ist in Deutschland Volkssport und diesem wird ungehemmt gefrönt. (…) Was wieviel kostet, ist ein Lieblingsthema aller Deutschen im In-, aber vor allem im Ausland. (…) Der Preis entscheidet beim Deutschen darüber was gekauft wird. Der Schweizer geht einen Schritt weiter. Zwischendurch überlegt er auch mal, was er für sein Geld erhält und wägt das Preis-Leistungs-Verhältnis ab. Er ist sich bewusst, dass es dem benachbarten Bauern letztlich zugute kommt,  wenn er Schweizer Erdbeeren statt portugiesiche kauft.“ (Willmeroth Sandra & Fredy Hämmerli: „Exgüsi. Ein Knigge für Deutsche und Schweizer zur Vermeidung grober Missverständnisse“)

Als ich nun also die Autoschlange bei Schlecker begutachtete fragte ich mich, ob das wirklich stimmte. Sind wir Deutschen gewissenlose Billigeinkäufer? Nun wohne ich ja in der Grenzregion und sehe jeden Samstag auch „gewissenlose“ Schweizer riesige Einkaufswagen durch deutsche Supermärkte schieben, bei denen ich mich wundere, dass sich diese unter der Last der Waren überhaupt noch rollen können. Und nein – in den Wagen liegen sicher nicht nur regionale Bioprodukte.  Sicherlich ist hier also auch ein Stück Selbstprojektion am Werk.

Dennoch muss ich zugeben: In der Schlecker-Schlange habe ich kein einziges Schweizer Kennzeichen entdeckt. Meine absolut nicht representative Beobachtungsstudie ergab also, dass die Schweizer entweder nicht von dieser Schnäppchen-Gelegenheit Wind bekommen hatten. Oder, dass sie doch das leise, aber sehr unangenehme Gefühl vom Leid anderer zu profitieren davon abhielt, den Wagen bei Schlecker vollzupacken.

Erst viel später (daher kommt auch dieser Blogeintrag erst zwei Wochen nach der Schließung der Filiale) kam mir ein ekelhafter zweiter Gedanke: Vielleicht lässt sich der plötzliche Andrang an der unbeliebten Schlecker-Filiale in meinem Wohnquartier ja auch noch anders als mit der reinen Schnäppchengier erklären. Vielleicht ist es der Gaffer-Effekt. Es könnte sein, dass die Schlecker-Einkäufer schlicht neugierig waren, wie es den Verkäufern geht und wie eine Drogerie aussieht, deren Regale sich allmählich leeren. Ja, vielleicht wollten sie einfach live dabei gewesen sein, wenn eine Filiale zugrunde geht.