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Gesellschaftliche Zukunftsutopie in 30 Minuten

Im Dezember schreibe ich meine Bachelor-Prüfungsessays. Ich bin also derzeit am Einlesen in die Themen. Fast stündlich entdecke ich neue Zusammenhänge und Fakten, die mich so sehr fesseln, dass ich darüber bloggen und mit euch diskutieren möchte. Aber ich muss mich beherrschen – schließlich liegt noch ein ordentliches Pensum vor mir, dass ich wirklich nur bewältigen kann, wenn ich mich brav an meinen Lernplan halte. Umso erfreuter war ich, als ich heute zufällig auf einen SWR2-Wissens-Podcast gestoßen bin, der sehr sehr viel davon enthält, was mich zur Zeit beschäftigt.

Kurz damit ihr bescheid wisst: zwei meiner Prüfungsthemen stehen bereits fest. Daher konzentriere ich mich jetzt zum einen auf die Situation von Working Poor in Deutschland und der Schweiz und zum anderen auf Antifeminismus und neue Feminismus-Bewegungen in Deutschland seit 2006 (am Beispiel von Eva Hermans Eva-Prizip und dem Buch „Wir Alphamädchen“). Das Thema im dritten Fach steht noch aus.  Meine bisherigen Themen haben eine größere Schnittstelle, als mir bei der Auswahl bewusst war. So sind Frauen besonders häufig auch Working Poor, weil a) die „typischen Frauenberufe“ sehr schlecht bezahlt sind und b) besonders viele Alleinerziehende betroffen sind. Und das sind ja meist Frauen.

Das faszinierende am diesem hervorragenden Beitrag von SWR2-Wissen ist, dass gleich ein Lösungsvorschlag für viele geschlechtsspezifische Probleme und den Arbeitsmarkt mitgeliefert wird. Vom Lebenszeitkonto habe ich das erste mal gehört – und bin spontan begeistert von der Idee. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen beschäftige ich mich schon seit zwei Jahren immer wieder – und bin auch immer überzeugter. Mir ist bewusst, dass es sich hier um Zukunftsutopien handelt. Aber was wären wir ohne Utopien? Mir gefallen sie – und sie werden auch Eingang in meine Prüfungsessays finden. Was haltet ihr davon?

Jetzt aber der Link zum Podcast. Investiert die 30 Minuten – ich verspreche euch, dass es höööööchst spannend ist 🙂 Leider kann ich die Sendung nicht direkt verlinken, aber sie heißt:

Das Lebenszeitkonto – Zukunft der Arbeit (11/12)

Samstag, 13. Oktober 2012 08:30

Ihr findet sie unter: http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/wissen.xml

Oder natürlich in eurem RSS-Feed oder iTunes Store. Spannende Ohrlektüre!

(Und wenn es euch packt: Auch die anderen Teile der Serie „Zukunft der Arbeit“ sind sehr aufschlussreich!)

Geschmacklos oder sexistisch? Olympia Bildergalerie auf Focus Online

Heute bei Twitter wurde eine spannende Diskussion geführt, zu der ich doch etwas mehr als 140 Zeichen loswerden möchte. Der gute @mchlpchl hat die Initialzündung gegeben und auf eine grauselige Fotogalerie bei Focus verwiesen (die ich einfach nicht verlinken MÖCHTE – sorry. Wenn es denn sein muss, guckt selber danach) in der Olympias schönste Athletinnen gesammelt wurden. Seiner Meinung nach „sexistische Kackscheiße“ (ich zitiere und gebe recht). Es wurde angeregt und angenehm darüber diskutiert, wo eigentlich die Grenze zwischen geschmacklos und sexistisch gezogen werden soll und ob es eigentlich in Ordnung ginge, wenn dasselbe Album mit Männern daneben veröffentlicht würde. Ich bin ein wenig stolz darauf, dass auf mich als Expertin verwiesen wurde – obwohl ich ja nur ein wenig Gender studiere. Aber ich versuche SEHR gerne euch meine Einschätzung darzulegen.

Also erstmal: geschmacklos ist Tofu und so manches Wassereis. Sexistische Äußerungen und Bilder haben sehr wohl einen Geschmack – und zwar einen üblen – ein „Gschmäckle“, wie man bei uns im Süden sagt 🙂

Nein im ernst: Sexismus ist geschmacklos, aber nicht alles Geschmacklose ist Sexismus. Wo also liegt die Grenze? Wikipedia sagt (und liegt damit nah an unserer Definition im Studium):

„Der Sexismus unterteilt alle Menschen anhand ihrer biologischen Geschlechtsmerkmale in Frauen und Männer, unterstellt ihnen damit eine grundlegende Unterschiedlichkeit und weist ihnen auf dieser Basis unterschiedliche Rechte und Pflichten zu.“

Also genau das, was eigentlich in unseren Köpfen die ganze Zeit passiert: Wir denken „Männer sind so und mögen dies und das“ und „Frauen sind so und machen folgendes lieber als Männer…“. Ganz automatisch. Wir denken gar nicht darüber nach. Im Grunde sind wir also alle sexistisch. Auch weil wir in unseren Köpfen nur die Unterteilung in zwei Geschlechter zulassen und erwarten, dass diese zum Beispiel ein gewisses Äußeres haben. Ist euch schonmal aufgefallen, was passiert, wenn euch ein Mensch entgegenkommt, den ihr nicht sofort als „männlich“ oder „weiblich“ erkennen könnt? Es verwirrt! Es beschäftigt uns.

Wir verbinden also Normen mit Geschlechtern – sowohl was das Aussehen als auch, was das Verhalten einer Person angeht. Dass sich hauptsächlich Frauen darüber aufregen und „Sexismus“ rufen, liegt daran, dass wir leider noch immer in einer patriarchalen Gesellschaft leben und die Normen und Handlungsweisen, die den Frauen zugeschrieben werden (und die sie sich auch selber zuschreiben!! wir machen alle dieses Spiel mit – es gibt also kein „schuldiges“ Geschlecht!), diese den Männern unterordnen. Frauen sind schwach, Männer sind stark, Frauen sind gut in sozialen Dingen, Männer in technischen und mit Geld (was übrigens in einer anderen Gesellschaftsordnung gar nicht unterordnend wäre – aber das führt jetzt zu weit). Tja und Frauen sollen eben immer auch hübsch sein und sich ordentlich präsentieren- ob sie das wollen oder nicht. Wie sehr dieses Denken verankert ist, merkt man daran, dass eben das Aussehen von Sportlerinnen, Politikerinnen, Künstlerinnen immer wieder thematisiert wird… also Frauen die eigentlich für etwas ANDERES in der Öffentlichkeit stehen als ihr Aussehen. Das passiert bei Männern nicht. Eben weil „hübsch aussehen“ eine noch immer weiblich belegte Norm ist. Deshalb sind Fotogalerien, die hübsche Frauen präsentieren sexistisch. Sie transportieren Handlungsnormen, die vielen Frauen nicht mehr gefallen.

Der wunderbare @toastroom fragte: „was ist schon sexismus, wann ist zusammenfassung eines geschlechts ok?“

Das ist tatsächlich schwierig zu beantworten. Provokativ gesagt: wenn du nur eine Ansammlung von Geschlechtsteilen zeigen würdest, nach männlich und weiblich sortiert, wäre das wohl nicht sexisisch. Weil das ja tatsächlich nur einen biologischen Unterschied zeigt und keinen sozial konstruierten. Wobei Spitzfindige hier anmerken dürfen, dass für Frauen und Männer im Schambereich andere Frisurennormen herrschen… Ihr seht schon: Es ist wirklich schwierig, eine Gruppe von Frauen oder eine Gruppe von Männern darzustellen, ohne die Norm mit darzustellen. Alles irgendwie sexistisch sozusagen.

Da kommen wir schwer raus aus der Sexismusecke, sag ich euch 🙂 Auch der Vorschlag von @prolidge, doch einfach eine Männergalerie hinzuzufügen und alles sei gut, stimmt so nicht. Denn welche Männer würden wohl da wieder dargestellt? RICHTIG! Die mit den kantigen Gesichtern und den großen Muskeln. Also die, die der Norm „stark“ entsprechen. Also wieder Sexismus.

Ich glaube das Hauptproblem an der Focus-Galerie ist, dass hier

  • a) eine Norm gezeigt wird von der viele die Schnauze voll haben. Warum sie also auch noch den armen Männern überstülpen?
  • b) eine Geschlechternorm an einen Ort verfrachtet wird, wo sie nichts verloren hat. Sportlerinnen sollen gut in ihrem Sport sein. Sie müssen doch für Olympia nun wirklich kein C-Körbchen und keine Kulleraugen haben. Warum werden sie nach ihrem Aussehen bewertet? Ist das eine neue olympische Disziplin?

Und zu guterletzt: Natürlich war in jedem Wohnzimmer, im Privaten, das Aussehen der Sportler und Sportlerinnen auch mal Thema – wie männlich so manche Sportlerin mit ihren Muskeln wirkt zum Beispiel. Wie gesagt: Wir sind alle sexistisch. Der Gedanke, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt und vor allem auch, dass diese zwei Geschlecher doch überhaupt nicht so gegensetzlich sein müssen, ist uns fremd. Aber es ist ein schöner Gedanke! Einer, der eine wunderbare und spannende Vielfalt zulassen könnte! Aus diesem Grunde ist es wichtig, dass Medien aufhören Galerien zu veröffentlichen, die die Norm der Weiblichkeit (oder eben auch der Männlichkeit) so klar proklamieren. Auch zum Wohl all dieser zum Teil ja wahnsinnig jungen Athletinnen und Athleten, die sich vielleicht in einer solchen Galerie suchen und nicht finden, weil sie der Norm nicht gerecht werden. Wie schmerzhaft muss es sein, wenn sie am Ende verlieren sogar gleich zwei Wettkämpfe verlieren. Für den einen haben sie nicht trainiert – sie wollten vielleicht gar nicht antreten.