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NKOTBSB – eine Analyse meines Kurzurlaubs ins 15-Jährige Selbst

Mir hängt ein rosaroter Schleier aus billigem Tüll ins Gesicht. Im Normalfall würde ich um solche Junggesellinnenabschiede einen großen Bogen machen. Aber hier ist das nicht möglich. Ich werde nämlich direkt in den rosa Tüll gedrückt. Die baldige Braut und ich werden gerade nach vorne geschoben in Richtung Eingang geschoben. Über den Türen steht in Leuchtbuchstaben: NKOTBSB.

Frauen, für die das  wie ein Agronym-Salat klingt, sind entweder innerlich erwachsener als ich, oder haben es geschafft sich als Teenager dem Boygroupfieber ganz zu entziehen. Ich war leider nicht so stark. NKOTB steht für New Kids on the Block. Die waren mir damals schnuppe – wahrscheinlich war ich auch noch etwas zu jung. Aber BSB steht für Backstreet Boys – und diese fünf (momentan vier) Jungs (inzwischen Männer) haben meine Teenagerjahre stark geprägt. Und das nicht nur durch zahlreiche Konzertgänge, viele Tränen und die verbindliche Endlosschleife im CD-Player. Nein, auch meine Vorstellung von Liebe wurde durch die kitschigen Songs geprägt. Und sogar meine erste große Studienarbeit habe ich zu einem kleinen, aber doch erstaunlichem Phänomen geschrieben: dem der alternden Boygroupfans.

Während es nämlich bei Teenagern wundervolle psychologische Erklärungen dafür gibt, warum sie den Stars verfallen (fehlende Reife für eine eigene Beziehung, Ausprobieren der eigenen Sexualität, Flüchten in eine Traumwelt…), ist noch recht unerforscht, warum noch immer Tausende von Fans zu Konzerten pilgern, wenn die Boygroups ein Jahrzent später ihr Comeback feiern, kurzzeitig ihre Familien zuhause lassen, um auf Tour zu gehen. Mehr noch: Die Mitte-20- bis Mitte-30-Frauen lassen selbst ihre Ehemänner zuhause und geben viel Geld für eine Übernachtung im selben Hotel wie die Backstreet Boys oder New Kids on the Block aus. Oder sie zahlen rund 400 Euro für ein VIP-Ticket, das ein Foto mit den Stars und ein Autogramm garantiert. Nur warum?

Das Mädel mit dem Schleier vor mir macht es wohl aus Jux. Auf ihrem T-Shirt steht „Nick Carter this is your last chance“. Dass weder Sie noch ihre Jungesellinnen-Abschiedsfreundinnen wirklich zulassen würden, dass Nick sich diese Braut krallt, zeigt der Aufdruck hinten: „Vorbei!!“ Überhaupt haben viele Mädels beim NKOTBSB-Konzert in Stuttgart, der Vereinigung von zwei Boybands, beim Kreischen eine Alkoholfahne. Ja, eine Gruppe trägt T-Shirt mit dem entschuldigenden Spruch: „Ích bin nur zum saufen hier!“

Aber die Gesichter in den ersten vier Reihen – die enger um die Bühne gedrückt sind als der Rest der Halle, kommen mir zum Teil sehr bekannt vor. Nicht nur, weil ich sie für meine Studienarbeit interviewt habe, sondern auch, weil ich selbst über all die Jahre regelmäßig zu Konzerten gegangen bin und – ich gebe es zu – auch noch hin und wieder im Hotel vorbei geschaut habe, in der Hoffnung ein Foto zu ergattern. In den Interviews für meine Studienarbeit haben die jungen Frauen erklärt, es ginge um das Gemeinschaftserlebnis, man würde immer wieder dieselben Leute sehen. Es handle sich um eine Art Hobby, das man ja außerdem nur hin und wieder ausführe. Und überhaupt gibt es immer auch welche, die noch extremer sind als man selbst.

Warum war also ICH dieses Wochenende wieder in Stuttgart? Ich denke das liegt zum einen an den Backstreet Boys selbst – ihre Stimmen und Geschichten haben mich so lange begleitet, dass ich mich wohl fühle, sobald ich sie höre und wissen möchte, was sie machen und wie es ihnen geht. Ich freue mich, wenn AJ verkündet, dass er nun Vater wird. Ich bin besorgt, was Nick wohl bedrückt, wenn er auf der Bühne zwei Stunden lang die Kiefer zusammenbeisst. 15 Jahre – so lange war ich keinem Mann treu. Aber immerhin einer Band.

Der zweite Grund ist: Ein Backstreet-Boys-Konzert ist ein Kurzurlaub vom Erwachsensein. Man verreist, lässt Ärger mit dem Chef, Druck im Studium, liegengebliebene Überweisungen, Beziehungsprobleme und den halberledigten Haushalt völlig beiseite und schlüpft für ein paar Stunden in eine andere Haut. Die des 15-Jährigen Selbst, das sich noch um so wenig sorgte. Dessen größte Sorge es war, ob man wohl weit genug vorne steht, damit Nick es auch mitbekommt, wenn man seinen Namen ruft und den Arm ausstreckt. Zwei Stunden zu hopsen und lauthals mitzusingen haben mich vom Balast der vergangen Wochen besser befreit als jede Yogastunde und Meditationsübung es vermochte. Die Fans, die ich in den vielen gemeinsamen Wartestunden besser kennen gelernt habe, haben mir manchmal von einer endlosen Jobsuche oder ihren unbefriedigenden Arbeitsplätzen erzählt. Das ist aber immer nur ganz kurz Thema. Schließlich ist man auch hier, um all das zu vergessen. Man fachsimpelt lieber darüber, warum Brian eigentlich nie dem Alkohol verfallen ist, und wie sich die Band wohl entwickelt, wenn Kevin zurück kommt. Ich glaube, das ist nicht viel anders, als wenn der BVB-Fanclub beim Bier vor dem Spiel über den neuen Stürmer diskutiert. Nur, dass wir Backstreet-Boys-Fans höchstens einmal im Jahr zusammen kommen.

Achso – manch einer möchte jetzt vielleicht auch noch wissen, wie denn das Konzert war. Für die höflich interessierten: Klasse! Sehens- und hörenswert – ein wundervoller Trip in die Vergangenheit.

Für die Fachsimpler: Erstaunlicherweise hat es mich nicht im Geringsten gestört, dass die New Kids mit dabei waren. Im Gegenteil: die Backstreet Boys hatten viel mehr Spaß auf der Bühne als bei der „This is us“-Tour vor zwei Jahren. Die Bands haben sich in einer Art Wettkampf gegenseitig beflügelt und das Feuerwerk aus Specialeffects in der Bühnentechnik und 90er Hits und Oufits hat meinen inneren Teenager voll entfesselt. Nick sollte sich allerdings mal wieder die Haare schneiden lassen.

Liebling, wirst auch du ein Brautmonster?

Eine Verlobung platzen zu lassen ist schmerzhaft. Und empfehlen will ich das wirklich niemandem. Aber jede Erfahrung hat auch ihre positiven Seiten. So sehe ich inzwischen das Thema Hochzeit gelassener. Ich weiß, dass ich auch ohne könnte. Und vor allem weiß ich, dass es einfach nicht der perfekte Tag sein muss, der jedem gefällt. Aber auch wirklich jedem.

Ich bin erschrocken, als ich vergangenes Wochenende mitanhören musste, wie  Geburtstagsgäste einer lieben Freundin in deren Hochzeitspläne reinredeten. Die Hochzeitseinladungen seien nicht sonnenblumen-, sondern leider hässlich senfgelb geraten. Sie dürfe auf gar keinen Fall ein ganz schlichtes Kleid tragen, schließlich heirate man doch nur einmal und darf nur einmal wie eine Prinzessin aussehen. Und überhaupt: ob sie sich etwa jetzt, neun Monate vorher, immer noch keine Gedanken über das passende Gefährt, die Sitzordnung und die Gestaltung der Namenskärtchen gemacht hätte. Sie sah erschrocken aus. Besonders, als sie den, ach so lustig gemeinten, Kalender auspackte, in dem genau aufgelistet war, was wann erledigt sein müsste. „Auf was hab ich mich da eingelassen?“ schrie sie stumm. Und mein jüngerer Freund rutschte unruhig hin und her und sah mich verzweifelt an.

„Willst du so nen Scheiß etwa auch mal?“ fragte er mich, als wir später im Bett lagen. Nein. Natürlich nicht. Aber kann ich mir selbst da trauen? Ich habe leider auch an mir selbst Wesenswandlungen während der Verlobung beobachtet. Ich habe mich in Foren angemeldet und mich von wildfremden Hausfrauen ernsthaft beraten lassen, wie ein Ringkissen aussehen müsse und wie lange ein befreundetes Paar schon zusammen sein muss, damit der Partner als plus 1 mit auf die Gästeliste gehört. Von unserem individuellen ursprünglichen Plan, ohne Tamtam, hohe Schuhe, Brautstrauß und Torte zu heiraten, war bald nur noch das rudimentäre Grundgebilde übrig. Immerhin: es sollte auch weiterhin Steak und Grillwürste statt Buffet geben. Aber es war so vieles hinzugekommen, weil man das „eben einfach so machen muss“. Und als Heiratsanfänger glaubt man das den vielen, vielen Beratenden und Reinredenden.

In einem herrlichen Artikel las ich von der Verwandlung der Traumfrau zum Brautmonster. Eine der wenigen Glossen, die kaum überzogen formuliert werden musste. Das haben selbst die Hochzeitsjunkies in meinen diversen Foren so gesehen.

Also, was sagt man nun dem Mann, der neben einem liegt und einen mit großen ängstlichen Augen ansieht? „Nein, natürlich werde ich nicht so!“ Wir wollen ihn ja nicht gleich verschrecken. Meine leisen Zweifel an meiner eigenen Aussage schlucke ich mit dem Gedanken herunter, dass ich es beim nächsten Mal wirklich, wirklich versuchen will. Vielleicht klappt es dann ja auch mit der Hochzeit.