Yoga im Dschungel – mein heilendes Retreat

Es meditiert in mir

Es ist einfach, den Alltag beim Meditieren auszublenden, wenn man so fern vom Alltag ist.

Unser Wecker ist der Gibbon. Dieser Menschenaffe, der hoch oben in den Dschungelwipfeln wohnt und eigentlich nie zu sehen ist, ist das Maskottchen von Jungle Yoga im thailändischen Khao Sok National Park. Er klingt ein wenig wie eine übende Opernsängerin. So eine Mischung aus leicht verzweifelten und doch irgendwie freudig-erregten Stimmzittern. Manchmal zumindest. Ein andermal scheint der Ruf des Gibbons eher ein freudiges „Huhu“, dass sich langsam dem Kreischen einer Sirene annähert. Und wem das jetzt alles zu theoretisch ist: Die Pächter des Dschungelyogas haben ganz tolle Aufnahmen gemacht. Am besten ihr startet alle Sounds gleichzeitig, dann wisst ihr, welche Geräusche euch im Urwald umgeben.

Ganz schön laut, oder? Und trotzdem muss ich sagen: Ich bin noch nie so zur Ruhe gekommen, wie in dieser Woche im Urwald. Wir lebten auf dem Wasser – alle unsere Hütten, das Restaurant und auch die Yoga-Sala (also unser Übungsort) schwammen auf dem Wasser. Ich glaube, es war auch die Qualität des Wassers, die das Leben und das Yoga zu etwas Besonderem machten. Die Ruhe ist nämlich eigentlich ein Fließen: Alles fließt, alles bleibt in Bewegung – da kommen auch Dinge in dir in Bewegung, die bisher erstarrt waren.

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This is where the magic happens.

Soviel zum Ort. Mir fällt es schwer, meine Erfahrung in Worte zu fassen, weil so viel passiert ist und alles so tief ging. Ich glieder es deshalb einfach in einzelne Erfahrungen, die mich besonders berührt haben.

Kommunikation  – wir reden nicht schlecht über uns oder andere

Ihr kennt sicher diese gruppendynamischen Prozesse, die entstehen, wenn ein Haufen Wildfremder zusammenkommt, um zusammen etwas zu lernen oder zu unternehmen. Ganz schnell bildet sich heraus, wer welche Rolle einnimmt: der Freak, die Vorlauten, die Streber, die, die nur zusammenglucken, die Stillen… Natürlich war das auch im Dschungel nicht anders. Dennoch hat eine Regel, die uns gleich zu Beginn vermittelt wurde die Gruppenbildung ziemlich durcheinander gewürfelt: „Wir reden nicht schlecht über uns selbst oder über andere – seht es als Experiment.“ Und nach einer Woche muss ich sagen: Was für ein großartiges Experiment! Da ich mit meiner besten Freundin ein Bungalow teilte, hatten wir natürlich erschwerte Bedingungen und mussten unser gewöhnliches Tratschen anfangs unterdrücken. Und dann passierte wundervolles: Die zu lauten stellten sich Tage später als sehr nette, aber vielleicht etwas unsichere Personen heraus und drosselten automatisch ihre Lautstärke, die Streber fielen gar nicht mehr auf, weil jeder mit seiner Praxis beschäftigt war, die Abgeschotteten lernte man am Schluss doch auch noch kennen und der Freak war sowieso liebenswert. Wie viel es verändert, wie viel offener man selber bleibt, wenn man seine Vorurteile nicht laut ausspricht! Das hat mich wirklich erstaunt.

Und wie gut es tut, mal ausnahmsweise nicht schlecht über sich selbst zu reden, brauche ich wohl niemandem zu sagen, oder? Das ist Seelenbalsam pur.

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Du bist gut so wie du bist.

Yoga mit verbundenen Augen

Wir waren alle gespannt, wozu wir Augenbinden mit den Urwald bringen sollten. Vor allem da wir ansonsten ja recht stark eingeschränkt wurden in unserem Gepäck („Take as less as possible!“). Ein bisschen fürchtete ich mich davor, irgendwelche Vertrauensspielchen mit fremden Menschen machen zu müssen, weil ich mich nicht immer wohl damit fühle, andere anzufassen. Doch bei unserer Übung mit der Augenbinde ging es nur darum, dass wir uns wirklich mehr auf UNS SELNST konzentrieren und nicht von dem ablenken lassen, was neben unserer Matte passiert. Und wie fühlt sie sich nun an, die 2-Stunden-Praxis mit verbundenen Augen? Zum einen habe ich jegliches Zeitgefühl verloren – die Praxis war so schnell vorbei, dass ich der Lehrerin auch geglaubt hätte, wenn sie behauptete, wir hätten wir nur eine halbe Stunde geübt. Das lag auch daran, dass man wirklich extrem konzentriert zuhören musste. Schnell mal gucken, weil man etwas nicht ganz verstanden hatte, war eben nicht. Meine Gedanken hatten also auch nicht die geringste Chance woanders hinzuwandern. Wer absolut im „Hier und Jetzt“ Yoga üben will: einfach mal die Augen verbinden! Bei mir hatte es auch noch den positiven Effekt, dass ich das Vergleichen endlich ganz sein lassen konnte. Und plötzlich habe ich mich gefühlt, wie die Queen of Yoga – weil ich jede Übung eben genau so gut gemacht habe, wie ich sie konnte – ganz egal, was die anderen so trieben.

Wandern in Stille

Nach ein paar Tagen war unsere Gruppe so ein richtiger Chit-Chat-Verein. Wir kicherten, blödelten und tauschten all unsere bisherigen Lebenserfahrungen aus. Kein Essen ohne anregendes Gespräch! Und mitten in diese fröhliche Stimmung hinein, will uns unsere Yogalehrerin verklickern, dass Kommunikation zu viel Energie kostet und wir für einen Abend und eine Morgenwanderung komplett schweigen sollen. Ich war empört! Was soll denn das bringen? Und wieder hatte ich erschwerte Bedingungen, weil wir ja eben zu zweit im Bungalow waren – nicht einmal „gute Nacht“ sagen zu können und meine Freundin nicht auf die dicke Spinne im Bad aufmerksam machen zu dürfen – all das fiel mir enorm schwer. Und am nächsten Morgen bei der Wanderung fand ich es vor allem schade, dass uns unser Guide uns nur Dinge gezeigt hat, aber nichts dazu erzählen konnte – wenn wir doch schon so eine urwaldkundige Frau bei uns haben, hätte ich so gerne einfach mehr erfahren. Nein, so ein Schweige-Retreat wäre definitiv nichts für mich! Zumal ich es als Einzelkind ohnehin gewohnt bin, zu schweigen oder mich zurückzuziehen, wenn mir Gesellschaft zu viel wird. Ich schwatze nur, wenn ich auch Lust dazu habe oder einen Sinn darin sehe. Daher war der schönste Moment der Schweigeerfahrung für mich auch eindeutig das Brechen des Schweigens: Wir sassen in einer stockdunklen Tropfsteinhöhle auf dem Boden, schalteten unsere Taschenlampen aus – eine solche Schwärze und eine solche Stille hatte ich noch nie erlebt – meditierten ein paar Minuten und liessen dann ein „Om“ ertönen. Auch wenn das Schweigen selbst nichts für mich war, nehme ich doch gerne mit, was uns zum Ende des Schweigens ans Herz gelegt wurde: „Überlegt euch immer wieder bevor ihr etwas sagt: Ist es wahr? Ist es nötig? Und kann ich es auf nette Weise sagen?“

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Unser schwimmendes Dorf im Dschungel.

Das thailändische Neujahrsfest – Sawadi Sonkrang!

Die Thailänder begrüßen ihr neues Jahr mitten im April. Da wir ja im Dschungel „in the middle of nowhere“ waren, dachte ich schon, dass ich davon wohl gar nichts mitkriegen würde – aber glücklicherweise, hat uns die thailändische Crew voll in ihre Feierlichkeiten mit einbezogen. Es gab Geschenke (ein Holzwürfel, um die Akupunkturpunkte der Hand zu massieren), wir wurden angemalt mit einer wohlriechenden Kräuterpaste und natürlich das allerwichtigste: nassgespritzt. Also zuerst. Dann mit Wasser übergossen. Dann ins Wasser geschmissen. Dazu hat eine der Thailänderinnen gesungen und mit den Handgelenken und Hüften gekreist. Es war so schön mit anzusehen, wie plötzlich Crew und Urlauber jegliche Scheu voreinander verloren und miteinander blödelten. Zudem hat es mir unfassbar gut getan, dass Jahr einfach noch einmal neu zu beginnen, nachdem meines so schrecklich angefangen hatte. Und damit kommen wir auch gleich zum nächsten Punkt…

Den Schmerz loslassen

Zuhause habe ich mich oft gefragt, wie das funktionieren soll: Die Trauer um meine verlorene Hündin Cita zuzulassen und gleichzeitig den Schmerz loszulassen. Eine liebe Freundin hatte mir gesagt, dass der Schmerz automatisch geht, wenn man sich ihm neugierig zuwendet. Das sagt sich so leicht. Zuhause muss man ja auch funktionieren. Und nach wochenlangem Weinen verliert auch das Umfeld langsam aber sicher die Geduld und man verdrängt den Schmerz eben doch – es ist ja auch entspannender hart zu arbeiten als die ganze Zeit zu weinen – ganz ehrlich! Im Dschungel aber war es weder möglich noch nötig irgendwas zurückzuhalten. Schon bei den ersten Yogastunden sind die Tränen einfach still gekullert. Später dann habe ich viele schöne Gespräche geführt mit meinen Mityogis und den zwei Yogalehrerinnen. Besonders „meine“ mitgereiste Lehrerin war einfach großartig. Sie wusste was passiert war und hat sich Zeit für kleine Privatsessions mit mir genommen. Sie hat mir gezeigt, wo die traumatische Erfahrungen im Körper oft festsitzen (im Psoas nämlich) und wie man mit Hilfe von Zitterübungen auch die psychische Heilung unterstützen kann. Das alles – und auch die Zeit, die ich mir wieder und wieder zum Weinen und zum Aufschreiben meiner Trauer genommen habe – haben mir so unfassbar gut getan. Meine ganze Körperhaltung hat sich verändert. Meine Schultern waren nach vorne gekippt – „logisch, du versuchst dein Herz zu schützen“ – und andere körperliche Macken haben sich ebenfalls verstärkt. Tatsächlich stand ich nach einer Woche ganz anders da. Und es macht so viel aus, WIE man durchs Leben geht! Am letzten Tag dann, habe ich noch einmal angefangen zu weinen, weil wir kleine Kokosschiffchen mit Blumen, Kerzen und Räucherstäbchen basteln sollten. Diese haben wir dann nachts – wieder unter thailändischem Gesang – aufs Wasser gleiten lassen. Als Zeichen für alles, was wir da lassen wollten. Für mich ein erneutes Abschiedritual. Nur diesmal habe ich mich nicht von meiner Cita – sondern von meinem Schmerz und meinen Schuldgefühlen verabschiedet.

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Was möchtet ihr hier lassen? Was nehmt ihr mit von dieser Woche?

Yin-Yoga

Zu guter Letzt habe ich auch noch einen Yogastil kennen gelernt, der für mich neu war und mir gezeigt hat, dass Yoga wirklich nicht immer sportlich sein muss. Meistens war es das nämlich auch im Retreat so. Aber 3,5 Stunden Yoga pro Tag ermüden auch, und so haben wir uns eines Abends eine 2-stündige Yin-Yoga-Session gegönnt. Dabei hält man jede Pose mehrere Minuten und die Posen sind meist nicht kraftvoll, sondern dehnend oder entspannend und nah am Boden. Überhaupt habe ich immer wieder gespürt, wie wichtig der Boden für mich ist. Denn nur, wer richtig geerdet ist, kann auch wieder gen Himmel wachsen.

Ich bin unglaublich dankbar, dass ich all dies genau jetzt erfahren durfte. Und Yoga nimmt nun noch einen viel wichtigeren Teil in meinem Leben ein, weil ich genau gespürt habe, wie richtig es für mich ist. Ich bin gespannt, wohin mich diese Reise führt.

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