Hundeerziehung ist, wenn die Nachbarn nicht mehr mit dir reden

Große Liebe

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Ende August ist mein größter Wunsch in Erfüllung gegangen und Cita trat in mein Leben. Seither gibt es viele durchflauschte Stunden, sehr viel Glück, aber natürlich auch stressige Momente und Unsicherheiten. Wie das eben so ist, wenn man für ein anderes Lebewesen Verantwortung übernimmt und alles unbedingt richtig machen will.

Das fängt schon bei der Erziehung an. Da ich keine Hundeerfahrung und auch keinen Kontakt zu anderen Herrchen und Frauchen in meiner Stadt hatte, habe ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen und eine Hundetrainerin ausgewählt, die sehr gut zu mir passt. Die Wellenlänge stimmt und sie beobachtet mich und Cita liebevoll und streng.

Eine Regel, die sie mir auf den Weg gab, war den Kontakt mit anderen Hunden an der Leine erst einmal zu meiden. Weil Cita dazu tendiert, sich  machomäßig aufzuführen – besonders den Hunden gegenüber, die etwa 5 mal so groß sind wie sie. Ich war schockiert, als ich das hörte. Nicht einmal schnuppern sollte sie dürfen? Gar nie nicht? „Jetzt zieh das einfach mal vier Wochen durch – dann kann es schon ganz anders aussehen“, meinte meine Trainerin. Und Google sei Dank, wusste ich auch schon bald, dass die „kein Kontakt an der Leine“-Regel viele gute Gründe hat. Dass die Körpersprache der Hunde eingeschränkt ist und daher die Kommunikation mit anderen nicht funktioniert zum Beispiel. (Mehr dazu steht hier.)

Guten Mutes beschloss ich die Regel umzusetzen und erklärte auch meinen Nachbarn, deren Hunde bisher ausgiebig an Cita schnüffeln durften, dass das jetzt erstmal ein Ende habe. Aber sie könnten gerne mit mir die paar Meter zum Feld mitkommen, wo unsere Hunde gemeinsam frei herumspringen und spielen dürfen. Ich redete mir den Mund fusselig, als ich ihre enttäuschten Gesichter sah.

„Aber mein Hund tut doch nix!“

„Ja, aber MEINER zickt.“

„Ach, macht meinem nichts aus.“

„Das mag sein – aber sie gewöhnt es sich an und dem nächsten Hund macht es vielleicht schon etwas aus…“ Und so weiter und so fort.

Als ich den Hündeler-Nachbarn das nächste Mal begegnete, standen sie schon in einer Gruppe zusammen und tuschelten. Schließlich nahmen sie mich ins Gebet. „Also das ist doch neumodisch. Meine Schule macht das ja ganz anders.“

„Ich verstehe das ja, wenn das ihre Trainerin sagt, aber überlegen sie doch mal…“

Wieder ließ ich mich auf Diskussionen ein. Erst als eine Nachbarin meinte, ich würde meinen Hund „sozial isolieren“, nur weil ich auf Kontakt ohne Leine bestünde, wurde es mir zu bunt, und ich verdrückte mich mit einem kurzen „einen schönen Tag noch.“

Anschließend brummte ich nur noch „kein Kontakt an der Leine!“, wenn mir jemand entgegenkam. Manchmal war das aber auch gar nicht nötig, weil sich meine Schandtat herumgesprochen hatte und mir bisher fremde Menschen zu ihren Hunden sagten „nein, du darfst da nicht hin – der darf keinen Kontakt haben.“  Die besagten Nachbarn erwiderten keinen Gruß mehr und zogen auch in einer lokalen Tierfreunde-Gruppe auf Facebook über mich und meine Trainerin her.

Die vier Wochen sind jetzt  um und waren sehr wirksam, so dass ich Cita jetzt auch an der Leine wieder mit ausgesuchten Hunden schnüffeln und pfoteln lassen kann. Die Nachbarn haben davon natürlich nichts mitgekriegt – sie wechseln bei einer Begegnung noch immer die Straßenseite.

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7 Antworten zu “Hundeerziehung ist, wenn die Nachbarn nicht mehr mit dir reden

  1. Caruso führt sich an der Leine leider auch wie ein Macho auf, kläfft und knurrt alles an – auch auf Distanz. Die von dir erwähnten Sprüche kenne ich 😉 Aber es gibt auch Menschen, die Verständnis zeigen, zum Glück. Ich mach mein Ding, was andere davon halten, ist mir relativ egal. Klar will man alles richtig machen, aber es allen anderen recht zu machen, kriegt man eh nicht hin, also ist es doch gut, den Weg zu gehen, der für dich und deinen Hund stimmt.

    • Das Problem ist halt, dass ich nie wirklich sicher sein kann, ob ich denn den richtigen Weg gewählt habe. Für alle Erziehungsideale gibt es gute Argumente. Und als Akademiker fällt es einem eben dann besonders schwer sich zu entscheiden 😉

  2. Ich kenne das auch mit den Nachbarn. Gerda ist unser 32 kg-Schlachtschiff. Sie ist groß, muskulös und teilweise sehr impulsgesteuert. Da ich den Hund mit schlichter Kraft nicht halten kann, muss sie 1A erzogen sein. In unserem Haus wohnt eine liebe Nachbarin, mit einer Cita namens Elsa. Die Größenverhältnisse Gerda vs. Elsa passen also nicht ganz. Diese Nachbarin fragt dann (an befahrener Straße oder im Treppenhaus!) ob wir die Hunde nicht spielen lassen wollen. Das geht einfach nicht. Gerda kann mit so einem kleinen Hund nicht spielen. Gerda ist wild und kennt die Verhältnismäßigkeit nicht. Ich versuche das immer wieder zu erklären, aber es kommt nicht an. Es kommt auch nicht an, dass ich eine wilde Gerda als erstes mit Konzentrationsübungen wieder unter Kontrolle bringen muss, damit sie ruhig wird und nicht alles und jeden vor Freude anspringt. Die liebe Nachbarin redet aber pausenlos auf mich ein. Ich muss dann abbrechen und sagen: „Ich kann jetzt nicht plaudern, ich muss mich um meinen Hund kümmern.“ Leider ecke ich damit ganz schön an. Ein Teufelskreis.

    • Danke für deine Antwort. Es ist auf der einen Seite beruhigend zu sehen, dass man mit seinem Problem nicht alleine dasteht. Andererseits frage ich mich, ob die Schweizer Recht haben, die für Menschen mit Hund schon einen extra Begriff gefunden haben. Hündeler heißen Sie – und das ist nicht gerade positiv kontiert… Werden Menschen seltsam und rechthaberisch, wenn sie sich um einen Wauzi kümmern. Und sind wir am Ende etwa auch schon so und merken es gar nicht?

  3. Interessanter Gedanke. In Hannover ist es so, dass die Menschen an Hundebesitzer eine große Erwartungshaltung haben. Der Hund an sich sollte möglichst unsichtbar sein. Er sollte nicht schnuppern, kein Geschäft machen und vor allem nicht bellen. Es ist manchmal schwierig, dem Druck standzuhalten. Das versuchen wir über eine gute Erziehung. Wir fahren 1x tgl zu einer der ausgewiesenen Hundefreilaufflächen, wo Gerda dann frei mit allen Hunden spielen kann. In der Stadt ist absolute Zurückhaltung gefragt. Wie ist das in der Schweiz? Etwas lockerer? Vielleicht habe ich da auch mehr Probleme, weil Gerda ein sehr großer, schwarzer Hund ist. Meine Nachbarin mit Elsa sagt, dass es bei ihr entspannter ist, wenn Elsa bellt oder Fremde beschnupptert

    • Dass die Hund am besten unsichtbar und unhörbar sein sollten, ist hier auf jeden Fall auch so. Ich empfinde das in der Schweiz sogar noch schlimmer als in Deutschland, was wohl vor allem daran liegt, dass man auch die Menschen in der Schweiz seltener hört oder sieht. Jeder ist zurückhaltend und höflich. Kein Wunder, dass sie das von dir und deinem Hund auch erwarten. Allerdings habe ich wohl tatsächlich einen Vorteil mit Cita – sie ist nun wirklich so winzig, dass manche Leute es gar nicht bemerken, wenn ich sie zB in der Bahn dabei habe. Und vor allem hat niemand, aber wirklich auch gar niemand, Angst vor ihr. Eltern beschweren sich nicht einmal, wenn ich sie auf kleine Kinder zuspringen lasse. Was schlicht daran liegt, dass sich die Kinder freuen und nicht zurückzucken. Als ich neulich im Restaurant angefragt habe, ob ich wohl einen Hund mitbringen dürfe, wurde ich zunächst gefragt, was es denn für einer sei. Meine halbe Portion wurde dann widerwillig genehmigt…

  4. es gibt ja gott sei dank noch menschen mit verständnis 🙂

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